Stehsatz

Thomas Fäckl: Form und Funktion – ein virtuoses Spiel in Buchform
Typografie (2. Semester): Thomas Fäckl
Form und Funktion – ein virtuoses Spiel in Buchform

»Typografie stellt […] vielfältige Aufgaben«* – primär geht es um Lesbarkeit, aber im Sinne künstlerischer Textgestaltung kann auch die Form im Vordergrund stehen.

In seinem experimentellen Büchlein spürt Thomas Fäckl der Beziehung zwischen Typografie, Inhalt und Satzanordnung nach. Seine Formstudie bricht dabei althergebrachte Textstrukturen auf, arrangiert die Bestandteile neu, spielt mit der Leserichtung und stellt den hehren Gesetzen Weidemanns kontrastierend deren Bruch gegenüber. Das bewußte Konterkarieren verstärkt auf vergnügliche und erstaunlich anschauliche Weise die Bedeutung der typografischen Gebote. So entstand ein spielerisches Textexperiment, das Gespür für Schrift schärfen kann. Sehenswert!

* Kurt Weidemann, Fotos: Sybille Schmitz
Visualisierung (1. Semester): Verena Manhart
Die sieben Todsünden

Ende des 4. Jahrhunderts wurden die sieben Todsünden das erste Mal von Euagrios Pontikos benannt. Bekannt sind sie uns vor allem durch die katholische Kirche, laut der wir durch deren bewusste Auslebung den Kontakt zu uns selbst und zu Gott verlieren. Die Charaktereigenschaften, die die katholische Kirche als Todsünden bezeichnet sind laut historischer Reihenfolge: Hochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit.

Für die Visualisierung habe ich die Seiten jeweils sieben identischer Bücher so gefaltet, dass deren Frontalansicht im leicht geöffneten Zustand je eine Todsünde darstellt.

Für den Hochmut steht ein nach oben zeigendes, gleichschenkliges Dreieck. Es vermittelt das Streben nach oben und zeigt, wie der hochmütige Mensch sich selbst über allen anderen, also an der Spitze sieht. Habgier äußert sich in unersättlichem Verlangen nach Besitz. Hierfür steht eine von links unten nach rechts oben laufende Gerade, da Geraden, laut geltenden mathematischen Gesetzen, grundsätzlich in die Unendlichkeit steigen. Der Kreis steht in diesem Fall für die Wollust, die unter anderem durch einen Teufelskreis der Lust beschrieben werden kann. Zorn ist in der Regel kein Gefühl, das unentwegt vorliegt, sondern sich in unterschiedlich starken Wutausbrüchen äußert. Aus dem Aneinanderreihen verschieden hoher Rauten resultiert ein Zackenmuster. Mit dem Wort Völlerei verbindet man exorbitanten Konsum von Lebensmitteln oder Alkohol. Auf jenen folgt meistens ein starkes Unwohlsein, welches in dem Versuch mündet, die psychische Verfassung durch Frustessen und Betrinken zu bessern. Dieses stete Auf und Ab wird durch eine Sinuskurve dargestellt. Neid nimmt dem Geist die Fähigkeit sich richtig zu entfalten. Durch die zusammengedrückt wirkende Raute wird diese Einschränkung optisch vermittelt. Die letzte der Todsünden ist die Trägheit. Diese wird durch die statischste Form, das Quadrat, versinnbildlicht.

Fotos: Verena Manhart
Mappenwerk zu Kurt Schwitters im Handsatz

Ein Zitat von Kurt Schwitters besagt, Kunst sei nichts anderes als Gestaltung mit beliebigem Material. So hatten wir, die Studenten des diesjährigen Erstsemesters, die Aufgabe und Ehre, uns nicht nur mit dem herausragenden deutschen Künstler Kurt Schwitters und seinen Thesen zur Typografie, sondern auch mit einem ganz neuen »Material« zu beschäftigen.

Kurt Schwitters gehört schon durch seine Leidenschaft, das »Merzen«, zu den einzigartigsten Künstlern des an sich schon eigenartigen Dada. Das Wort »Merz« leitet Schwitters vom Wort »Kommerz« ab, welches auf einem Zettel geschrieben stand, den er zufällig fand und sollte ein Ausdruck dafür sein, Neues aus alten Scherben aufzubauen. Dies war für den Künstler nicht nur Name oder Kategorie, sondern vielmehr der Ausdruck seines Lebens, denn Schwitters betrachtet sein Leben als Gesamtkunstwerk – Leben und Kunst miteinander vereint, den gesamten Inhalt seines Lebens stellt er mit diesem Begriff dar. Die spielerische Verbindung verschiedenster Dinge wie Zeitungsausschnitte, Busfahrscheine, Nägel, Haare oder Holzstücke machen Schwitters Collagen zu einem gestalterischen Hingucker.

Nach Recherche und intensiver Auseinandersetzung mit diesem Künstler und seinen Thesen ging es auch für uns nun endlich an die Arbeit – hierbei verlief vor allem die Vorbereitung der Entwürfe bei jedem anders. Während die eine sich intensiv mit der Gestaltung Schwitters auseinandersetzte und ganz nach seinem Motto »etwas Neues aus seinem Alten« machte, ging die andere eher spielerisch mit diesem Thema um und befasste sich mit einer rein typografischen Lösung der Thesen. So verschieden die Arbeitsweisen wohl auch gewesen sein mögen, unsere Mappe mit den fertigen Drucken, ergibt insgesamt eine sehr schöne Gesamtheit!

Wir, Julia Floth, Selina Schwander, Eva-Maria Oberauer, Victoria Eckl und Katharina Hengster, möchten uns hiermit auch nochmals recht herzlich bei Herrn Westermaier und Frau Schmitz für ihre Bemühungen und Geduld bedanken – nach dem Erwerb unseres Werkstattführerscheins werden wir uns nun sicher häufiger in der Druckwerkstatt über den Weg laufen!

Fotos: Katharina Hengster, Victoria Eckl, Sybille Schmitz
Freie Schriftarbeit  (1. Semester): William Kirchinger
The W – vielfältige Annäherung an tradierte Initialienentwicklung

In seiner freien Schriftarbeit »the W« zeichnete William eine Initiale nach den etablierten Regeln des Handlettering. In der tatsächlichen Anwendung ging er dabei zwei sehr gegensätzliche Wege. Er druckte sein Zeichen unter Zuhilfenahme eines vorab gefertigten Magnesiumklischees in unserer Buchdruckwerkstatt in Blau mit dezenten Goldelementen. Darüber hinaus erstellte er eine Schablone für seine groß dimensionierte Graffiti-Anwendung. Mit Hilfe dieser sprühte er ein helles Kreidespray auf dunklen Boden. Beide Darstellungsformen sind einerseits völlig gegensätzlich in Herstellung, Darbietung und Material, andererseits ergänzen sie sich gut und illustrieren die Schriftarbeit auf verschiedenen Ebenen. Beide Formen sind auf jeden Fall & im besten Sinne gelungen.

Fotos: Lucas Wurzacher, Sofia Gronard, Sybille Schmitz
Typografie (2. Semester): Antonia Aschenbrenner, Thomas Fäckl
Schriftanalyse der Univers

Obwohl bereits einige Studenten sich vor uns bei der Schriftanalyse die Univers wählten, war das für uns kein Ausschlusskriterium. Uns hat die serifenlose Schrift von Adrian Frutiger in ihren Bann gezogen. Dabei überzeugte uns nicht nur das komplexe und klare Zusammenspiel der einzelnen Schnitte, sondern auch dass sie bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren hat. Sie ist damals wie heute modern. Und revolutionär. Denn vor 60 Jahren war es nicht üblich eine derart große Schriftfamilie im Bleisatz umzusetzen, ohne vorab ein bis zwei Schnitte am Markt zu testen. Doch vielleicht war es genau das harmonische Gesamtbild der Schrift, welches die Schriftgießerei Deberny & Peignot dazu verleitete dieses gewagte Projekt zu realisieren – und uns beide zu einer weiteren Schriftanalyse der Univers animierte.

Genau so spannend wie die Univers ist auch ihr Schriftentwerfer Adrian Frutiger, weshalb wir uns dazu entschieden sein Wirken und seine Lehre in einem separaten Buch zu belichten. Uns war vor allem wichtig, dass das Buch als Ganzes wirkt und nicht zu aufgeregt, sondern klassisch, schlicht wird. Auch das Cover der beiden Bücher sollte nicht auffällig sein und vom eigentlichen Thema ablenken – der Schrift. Bei der Bindungsart bezogen wir uns auf Frutigers Herkunft und wählten die Schweizer Brochure.
Fotos: Antonia Aschenbrenner, Thomas Fäckl
Editorial Design (3. Semester): Janina Engel
DAMN. Eine Zeitschriftenanalyse.

Das Damn Magazin besticht durch sein einzigartiges Auge für zeitgenössische Kultur sowie seine offene Haltung gegenüber der abwechslungsreichen Kunst- und Designwelt. Diese Analyse konzentriert sich auf die wichtigsten redaktionellen Gestaltungsaspekte, die das DAMN Magazin zu einer inspirierenden Lektüre für jeden Designer, Künstler und Architekten machen. Das Layout, die Typografie und Fotografie ergeben ein stimmiges Gesamtbild, welches durch seine unvoreingenommene Herangehensweise soziale und politische Ereignisse mit der Welt von Kunst, Design und Architektur verbindet.

Typografie kann unter Umständen Kunst sein
Typografie (2.Semester): Clara Baber

»Typografie kann unter Umständen Kunst sein«, so lautet die erste von 10 Thesen von Kurt Schwitters, die er 1924 in der Ausgabe 11 seiner MERZ-Hefte veröffentlichte. Eine gewagte These, die die Fachwelt heute noch ebenso wie damals spalten dürfte, da die Typografie doch ein festes Regelwerk darstellt, ein System, das dem Leser dient, ohne formale Spielerei auskommt und nicht eigenmächtig auftreten will.

Clara Baber hat mit ihren Versuchsreihen eindrucksvoll gezeigt, dass Typografie und Kunst durchaus vereinbar sind. Sie hat es geschafft, besagte »Umstände« zu bewerkstelligen, in denen das Werkzeug Typografie die zugedachten Sphären zu verlassen und in den Bereich der Kunst einzudringen vermag.  Spielerisch komponiert sie mit analogen, künstlerischen Druckverfahren Schwitters Thesen zu mutigen Plakaten im Stempel-, Faden-, Papier- und Handabdruck. So entstehen virtuose, gestalterische Kleinode. Höchst sehenswert, denn Clara Babers Plakate sind augenscheinlich Kunst!

Ein studentisches Projekt der MD.H München

Es herrscht Betriebsamkeit in unserer Druckwerkstatt: Seit Tagen wird skizziert, unterbaut, gesetzt, gedruckt, bisweilen geflucht, nachjustiert und schließlich vollendet. Die Media Design-Studierenden Jakob Kreitner, Dani Ibler, Nico Janson und Thomas Fäckl bereiten sich, bewaffnet mit einer »Nudel« (das ist eine kleine Abzugspresse), auf ihren Besuch der Handwerksmesse vor. Das kleine Grüppchen an Studierenden darf in diesem Jahr eigens gestaltete Karten zum Jahreswechsel unter der Ägide von Werner Hiebel von der officin albis an seinem Stand bei der KreARTiv am 27. und 28. Oktober in München zum Druck anbieten.

Dies hat einigen Ehrgeiz geweckt, auch deshalb, weil man Werner Hiebel, bekannt für seine erlesenen Bücher im Handsatz, begleiten darf. Und so staune ich nicht schlecht über das bunte Potpourri an Illustrationen und Textarbeiten, die im Vorfeld entstanden sind. Dabei sollen die Messebesucher einen Einblick erhalten, wie eine Druckform aussieht, worauf es beim Drucken ankommt und selbstverständlich auch, dass eben dieses »Handwerk« eine formidable Kunst ist. Die Kartenmotive der Studierenden können am Stand selbst gedruckt werden. Zur Sicherheit ist im Vorfeld eine kleine Auflage gefertigt worden, damit das Ergebnis auch die gewünschte Qualität zeigt.

Bemerkenswert ist auch die Bachelorarbeit von Sophie Wagenknecht (Fakultät 6, Druck- und Medientechnik, HS-München), die aus unterschiedlichen Materialien in akribischer Arbeit diverse Klischees im Lasergravurverfahren erstellt und gedruckt hat. Ihre Arbeit ist auf dem Messestand ebenfalls zu begutachten.

Ein Besuch in der Ständlerstraße am Stand von Werner Hiebel in München ist für alle Handsatzliebhaber, Gestalter und die, die es werden wollen, wirklich lohnenswert!

Fotos: Jakob Kreitner, Sybille Schmitz
Editorial Design (3. Semester): Dorothée Martin
Zeitschriftenanalyse DUMMY

Aufgabe meiner Analyse war es, eine Zeitschrift auf verschiedene Merkmale hin zu untersuchen. Die Entscheidung fiel auf das unabhängige Gesellschaftsmagazin DUMMY, Ausgabe Nummer 56 zum Thema »Schwule«. Das Magazin wirkt auf den ersten Blick überraschend, das Cover erregt Aufmerksamkeit. Die Aspekte, die ich analysiert habe, sind zum Beispiel die Zielgruppe, Konzept der Publikation, Umschlaggestaltung, Magazinaufbau, Typografie und Bildsprache.

Konzept von DUMMY ist, daß jeder Ausgabe ein bestimmtes Thema zugrunde liegt. Dieses Thema wird sehr detailliert behandelt und aus verschiedensten Perspektiven betrachtet. Der Titel der jeweiligen Ausgabe prangt in gut lesbarer Schrift auf dem Cover, grafisch arbeitet DUMMY auf dem Titelblatt meist mit Fotos, die neugierig machen. Beim weiteren Durchschauen wird deutlich, dass es sich nicht um ein typisch journalistisches Magazin handelt, sondern um eine besondere Art von Journalistik und Gestaltung. Jeder Artikel stammt von einem anderen Autor, der in seinem eigenen, subjektiven Stil das Thema der Ausgabe erörtert.

Typografie (1. Semester): Magdalena Stricker

Das Thema der Arbeit von Magdalena Stricker ist der Nationalsozialismus, oder besser gesagt die Phase der nationalsozialistischen Herrschaft, die die historisch vergleichsweise kurze Dauer von zwölf Jahren umfasst, an Abscheulichkeit jedoch jeglichen historischen Vergleich schlichtweg sprengt.

Im »Laut« sind die Jahreszahlen der Herrschaftszeit des Nationalsozialismus zu erkennen, von der Machtergreifung bis zum Zerfall. In Stichpunkten wie »Rasse«, »Führer«, »Arier« oder auch »KZ« werden den Eckdaten dieser Zeitspanne lose Schlagworte zur Seite gestellt.

Im »Leise« findet sich unter einem Kreuz und der zeitlichen Kennzeichnung 33–45 eine Namensliste mit Opfern aus verschiedenen Konzentrationslagern. Diese, gemessen an der Zahl der Opfer insgesamt, verschwindend kleine Auswahl wurde stellvertretend zusammengestellt. »Leise« ist hier der angemessene typografische Tonfall, zum einen weil die schiere Menge der Opfer, selbst in der kleinen Auswahl, die kleine Schriftgröße erzwingt, und zum anderen weil es die Pietät eingedenk der ermordeten Menschen gebietet.

Das Thema wurde gewählt just in einer Zeit, in der sich virulentes faschistisches Gedankengut wieder epidemisch ausbreitet. Viele Menschen haben die Zeit des Nationasozialismus gewissermassen in Geschichtsbüchern »abgeheftet« und unterschätzen heute womöglich die Folgen, vor denen der elementare Grundsatz »Wehret den Anfängen« schützen möchte. Im Sinne dieses Grundsatzes ist das Leporello entstanden.

Fotos: Janina Engel