Stehsatz

Rhythmic Type. Eine Musikinterpretation in Verbindung mit Typografie
Motion Design (4. Semester): Janina Engel und Nico Janson

Das Video »Rhythmic Type« zeigt wie verschiedene Melodie- und Rhythmik-Elemente in Verbindung mit typografischen und grafischen Mitteln verbildlicht werden können.

Jede Soundfrequenz wurde genau analysiert und mit den Klängen und Charakteren der Buchstaben des deutschen Alphabets in Zusammenhang gebracht. Dafür wurden folgende Versalien der Schrift Univers in der Stärke Extra Black gewählt: A, O, S, K, P, T und D. Das Lied hat einen klaren Aufbau, das Rauschen wird immer lauter. Aus diesem Grund wurde das A gewählt, da es auch einen Anfang symbolisiert. Der schwere, lang schallende Bass wird mit dem O symbolisiert. Die Gitarrenklänge werden durch das S dargestellt, da es ein organisches und echtes Instrument ist und somit ein dynamisches Geräusch von sich gibt.

Die wiederkehrenden, harten Beats werden ganz klar mit harten Klängen der Konsonanten K, P und T in Zusammenhang gebracht. Am Schluss werden noch die letzten natürlichen Klänge der Gitarre wiedergespiegelt. Dies wird durch das D symbolisiert. Es wirkt dynamisch, natürlich und bietet somit einen guten Abschluss des Liedes.

Experimentelle Typografie (3. Semester): Peter Eisner
Das Gedicht »schtzngrmm« von Ernst Jandl versucht die Geschehnisse in einem Schützengraben des 1. Weltkrieges mittels Konsonanten lautmalerisch darzustellen.

Peter Eisner überträgt dieses Gedicht aus dem Jahr 1957, das seinerzeit Kontroversen auslöste und mittlerweile dem deutschsprachigen Kanon angehört, in eine treppenartiges Gebilde. Das Objekt aus mehreren Schichten Pappe stellt den Graben dar, der über Monate und Jahre Lebensraum der Soldaten und oft genug ihr Sterbeort war. Die Struktur der positiv aufgeklebten bzw. negativ herausgestanzten Typen soll an den Schlamm und Dreck erinnern. Auf den ersten Blick wirkt das Gebilde aus der haptisch und visuell ansprechenden Pappe beinahe angenehm und harmonisch, wäre da nicht eine Unmenge von feinen, roten Farbspritzern. Sie spiegeln das viele Blut wider, das vergossen wurde, und das Grauen eines industriellen, maschinellen Krieges, das insbesondere jene von Gräben durchfurchten Schlachtfelder Flanderns symbolisieren.

Fotos: Peter Eisner

Hier das Gedicht von Ernst Jandl im Wortlaut.

schtzngrmm
schtzngrmm
t-t-t-t
t-t-t-t
grrrmmmmm
t-t-t-t
s——-c——-h
tzngrmm
tzngrmm
tzgrmm
grrmmmmm
schtzn
schtzn
t-t-t-t
t-t-t-t
schtzngrmm
schtzngrmm
tssssssssssssssssssss
grrt
grrrrrt
grrrrrrrrrt
scht
scht
t-t-t-t-t-t-t-t-t-t
scht
tzngrmm
tzngrmm
t-t-t-t-t-t.t-t-t-t
scht
scht
scht
scht
scht
grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
t-tt

Typografie (2. Semester): Antonia Aschenbrenner

Spontanität und Zufall stehen eigentlich im Widerspruch zum Wesen der Typografie. »Typografie ist die Kunst des feinen Maßes« (Weidemann, Kurt: Zehn Gebote der Typografie), eine Dienstleistung nach gegebenen Regeln, die logische Denkprozesse anschiebt, nicht zu wenig, aber eben auch nicht zu viel. Die legendären­ »zehn Gebote Kurt Weidemanns« postulieren in der Essenz ebendies, also keine Mätzchen zelebrieren, das Rad nicht neu erfinden und bitte bitte immer lesbar bleiben.

Gerade deshalb scheinen diese Sätze des Typografen Kurt Weidemann geradezu prädestiniert zu sein, Variationsreihen zu erproben, den linearen Lesevorgang in Frage zu stellen, Texte und Inhalte abzuwandeln, den Inhalt korrekt aber eben auch ins gerade Gegenteil verkehrt zu inszenieren. Selbstverständlich nur mit rein typografischen Mitteln.

Antonia Aschenbrenner hat sich in ihren Studien dem 5. und 7. Gebot Kurt Weidemanns gewidmet. Sie hat hierbei typografisch informiert, jongliert, dekonstruiert, orchestriert, arrangiert und komponiert. Entstanden ist dabei eine Reihe sachlich-logischer, aber auch ästhetisch-emotionaler Einzelblätter. Höchst vergnüglich.

Fotos: Sybille Schmitz
Editorial Design (3. Semester): Katharina Krojer

Schrift zu lesen, also Buchstaben zu entziffern, gehört zu den allerersten Fähigkeiten, die wir in der Schule lernen. Diese Fähigkeit wird uns schnell derart selbstverständlich, dass wir schon bei geringem Wiedererkennungswert nach den uns bekannten Formen suchen und sie sogar finden, obwohl sie eventuell gar nicht vollständig sichtbar sind.

Grundgedanke des hier vorgestellten Projektes war es zu verdeutlichen, welchen Einfluss Schrift auf uns hat, wieviel Aufmerksamkeit wir ihr selbst in beiläufigen Situationen widmen (können) und wie meisterhaft wir die Kunst des Lesens, eine wohlgemerkt gänzlich kulturelle Errungenschaft ohne natürliche Grundlage, beherrschen. Der Text für dieses Projekt stammt aus der »Unendlichen Geschichte« von Michael Ende.

Experimentiert wurde mit einfachen Überlappungen und Überlagerungen. Die einzelnen Karten, am Ende zu einem Leporello zusammengefaßt, setzen diesen Gedanken auf unterschiedlichste Weise um. Eine Karte etwa enthält zwei Teile des zerschnittenen Textes, erst wenn beide Teile übereinandergelegt werden, fügen sich die Buchstaben wieder zusammen. Andere Karten arbeiten mit Verdichtung, Formgebung oder stellen die Buchstaben durch ihre gepunkteten Konturen dar.

Fotos: Katharina Krojer
Papier Global 4

Papier, das
Substantiv, Neutrum

  1. aus Pflanzenfasern [mit Stoff- und Papierresten] durch Verfilzen und Verleimen hergestelltes, zu einer dünnen, glatten Schicht gepresstes Material, das vorwiegend zum Beschreiben und Bedrucken oder zum Verpacken gebraucht wird
  2. Schriftstück, Aufzeichnung, schriftlich niedergelegter Entwurf, Brief, Aufsatz, Vertrag o. Ä.
  3. Ausweis, Personaldokument
  4. (Finanzwesen) Wertpapier; Abkürzung

 
Papierabfall, Papierabzug, Papierarbeit, papierartig, Papierbahn, Papierband, Papierblock, Papierblume, Papierbogen, Papierbrei, Papierdeutsch, papierdünn, Papiereinzug, papieren, Papierfabrik, Papierfabrikation, Papierfetzen, Papierflieger, Papierform, Papierformat, Papiergarn, Papiergeld, Papiergeschäft, Papiergewicht, Papiergewichtler, Papiergewichtlerin, Papierhandtuch, Papierhersteller, Papierherstellerin, Papierherstellung, Papierindustrie, Papierkorb, Papierkragen, Papierkram, Papierkrieg, Papierlaterne, papierlos, Papiermanschette, Papiermaschee, Papiermesser, Papiermühle, Papierrolle, Papiersack, Papierschere, Papierschiffchen, Papierschlange, Papierschnipsel, Papierschnitzel, Papierserviette, Papierstapel, Papierstau, Papierstreifen, Papiertaschentuch, Papiertiger, Papiertonne, Papiertuch, Papiertüte, Papier verarbeitend, Papierverarbeitung, Papierwährung, Papierwaren, Papierwarenhandlung, Papierwindel, Papierwolf, Papierwolle;

Von Papierkunst hat der Duden jedoch noch nichts gehört, deshalb sei den Verantwortlichen ein Besuch der nun bereits zum vierten Mal stattfindenden internationalen Papierkunst Triennale in Deggendorf empfohlen. Auf der »Papier Global 4« zeigen noch bis zum 7. Oktober 94 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt (von Deutschland und Österreich bis Japan, Kolumbien und dem Iran), was sie mit dem Material Papier so alles anstellen können. Papier ist nämlich mehr als weiß und rechteckig: kleine kofferartige Figuren aus Seidenpapier, ein meterlanges »Steintagebuch«, Collagen aus zerhäckselten und kunstvoll neu arrangierten Büchern, dreidimensionale QR-Code Bilder, ein Stück falscher Rasen aus Papier, Blüten-»blätter«, anspruchsvollste Scherenschnittarbeiten und metergroße Plastiken aus Karton. Ein Besuch lohnt sich! Die Vielfalt der in Stadt- und Handwerksmuseum ausgestellten Kunstwerke ist beeindruckend und dürfte nicht nur für angehende Mediadesigner, die sich mit ersten Visualisierungen auseinandersetzen müssen, von großem Interesse sein.

Henry David Thoreau, Walden 
Entwicklung einer komplexeren Drucksache

Der Autor und Philosoph Henry David Thoreau passt gut zum Semesterthema der Handsatz-Werkstatt – »Freiheit«. Zu Lebzeiten politisch relativ unbedeutend, gilt er heute als »Prophet des zivilen Ungehorsams« und diente Freiheitskämpfern wie etwa Martin Luther King oder Mahatma Gandhi als Vorbild. Thoreaus Buch »Walden« ist als Klassiker für ein »alternativeLeben« bzw. die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit bekannt. Der Autor kehrte 1845 der Zivilisation für zwei Jahre den Rücken und zog sich in die Wildnis und Einsamkeit an den Waldensee in Neuengland zurück. Seine Beobachtungen, die während dieser Zeit der Einsamkeit und Enthaltsamkeit entstanden sind, sind unvoreingenommen, scharfsinnig sowie mutig. Sie haben auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren und spiegeln die Sinnsuche des Menschen in einer immer rastloser werdenden Gesellschaft.

Im Handsatzkurs von Schriftsetzermeister Klaus Hanitzsch entstand nun unter akribischer Einzelarbeit eine Leseprobe im Format 135 x 210 mm, die alle klassischen Regeln der Buchgestaltung beachtet. Melanie Knappe, Thomas Fäckl und Jochen Schuster staunten dabei nicht schlecht, was es so alles an Kniffen und Regeln in der Buchtypografie gibt.

Register- sowie Zeilen in Schön- und Widerdruck zu halten ist an einer einfachen FAG Abzugspresse mit einigem Aufwand verbunden, der Druck muss ideal dosiert sein. Klaus Hanitzsch hat dabei unbeirrbar mit Muße und viel Feingefühl unermüdlich korrigiert und Schieflagen zurecht gerückt.

Damit die Freiheit bei dem eher streng wirkenden Projekt nicht gänzlich verloren geht, sind die Schutzumschläge von jedem Studierenden individuell gestaltet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wird die Tage fertiggestellt.

Freie Schriftarbeit (1. Semester): Benedikt Hörmannsdorfer

In seiner experimentellen Arbeit befaßt sich Benedikt Hörmannsdorfer mit den unterschiedlichen Stadien des Verfalls eines organischen Materials. Die Idee war, die Buchstaben, akribisch aus dem Fleisch eines Apfels herausgeschnitten, zum Wort »Faul« zusammenzusetzen und schließlich dem Begriff entsprechend verfaulen zu lassen. Die Widerborstigkeit eines natürlichen Materials zeigt sich hier ironischerweise darin, dass die Apfelstücke – anstatt zu verfaulen – vertrockneten. Dennoch ist eine visuell interessante und amüsante Serie an Bildern entstanden, die ein zunächst statisches Schriftbild mit einem natürlichen, damit auch unkontrollierbaren Prozess verknüpfen.

Fotos: Benedikt Hörmannsdorfer
Digital zum Anfassen – Ausstellung des Schweizer Künstlers »Pe Lang«

Als Tocotronic ihre erste Platte 1995 »Digital ist besser« nannten, war das eine provokante wie visionäre Aussage. Ob sie nun wahr ist oder nicht, darüber lässt sich streiten. Dass die Zukunft aber stark von der Digitalisierung geprägt sein wird, stärker als es manch einem heute lieb sein dürfte, das ist inzwischen selbst der CSU klargeworden, als sie Anfang dieses Jahres kostenloses WLAN im öffentlichen Nahverkehr einrichten wollte. Bis 2050 wohlgemerkt, was nach viel Hohn und Spott der Öffentlichkeit schnell auf 2020 korrigiert wurde, jedoch ähnlich unrealistisch sein dürfte.

Zu schnell löst eine Technologie die andere ab und Deutschland ist in dieser Entwicklung mehr Nachzügler, als Vorreiter. Hierzulande bleibt Digitalisierung ein polarisierendes Thema, schwer zu greifen, im wahrsten Sinne des Wortes, weil eben digital und nicht analog.

Deshalb lohnt ein Blick in die Schweiz: dort ist man in den diversen Rankings, was den Netzausbau und Internet-Geschwindigkeit angeht, konstant in der Weltspitze, ein gutes Stück vor dem großen Nachbarn im Norden. Im »Museum of Digital Art« in Zürich gibt es noch bis zum 23. September eine Ausstellung des Schweizer Künstlers »Pe Lang« zu sehen, die sich dem Thema »digital« anders nähert, als man es vielleicht vermuten würde, denn wer sofort an flackernde Bildschirme denkt, wird überrascht sein, wenn er die kinetischen Skulpturen zu sehen bekommt: schwarz-weiß, minimalistisch und doch gewaltig. Kleine Elektromotoren bringen Lautsprecher selbst zum Klingen, aus verdrehten Gummibändern wird Schrift und eine Wand aus Papier raschelt.

»Wie Algorithmen, die durch ein einziges, falsch platziertes Komma zum Abstürzen gebracht werden, sind seine minimalen und gleichzeitig ausgeklügelten Installationen abhängig von der exakten Kombination von Parametern. Erst diese ermöglicht das delikate Wechselspiel zwischen Rationalität und Illusion.« – Website des MuDA

Fotos: Jakob Kreitner
Musikvisualisierung 1. Semester: Thomas Fäckl

Bei der Umsetzung der Musikvisualisierung habe ich mich mit dem Titel »Hurt« von Johnny Cash auseinandergesetzt. Dieser Song evoziert nicht nur eine dem Titel entsprechende düstere und bedrückende Stimmung, sondern kontrastierend auch eine immer wiederkehrend helle und hoffnungsvolle. Genau jene zwei Stimmungen galt es im Druck der Songzeilen wiederzugeben. Dies wird typografisch umgesetzt, in dem die Lettern der düsteren Strophen und Textteile ineinander geschoben stehen, also ob sich die zugespitzten Abschlüsse der Typen gegenseitig aufspießten, was eine schmerzhaft optische Wirkung zeitigt. Die hoffnungsvollen Textteile haben im Gegensatz dazu freien Lauf sich zu entfalten, sie transportieren Leichtigkeit statt Enge und hellen die Stimmung wieder auf. Um die Wechselwirkung der gegensätzlichen Strophen bzw. Textteile zueinander zu verdeutlichen wurde das Ganze zu einem Leporello zusammengefasst.

Fotos: Thomas Fäckl, Jan-Marc Zublasing
Bleistaz 1: Einzelblätter zum Thema »Freiheit«
Typografische Textstudien und Satzexperimente

»Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.« (Perikles, 5. Jhr. v. CHR.)

Freiheit, was ist das? Ein Wert, ein Abstraktum, ein Gefühl. Sie exisitiert in vielen Formen: beispielsweise die geistige Freiheit, die gestalterische Freiheit, die freie Seele, die Vogelfreien, die Handlungsfreiheit, die Freiheitsstatue, der Freiraum. Freiheit bedeutet im Wortsinn »ohne Zwang entscheiden zu können«. Freiheit wurde schon in den Wäldern (Thoreau) gesucht, aber auch in hohlen Gassen (Schiller) erzwungen. Gedanken sind frei. Oder doch nicht?

Aber gerade diese Freiheit ist eben auch ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Vielmehr fürchten wir uns oft vor allzu grosser gestalterischer Freiheit und ziehen ihr engmaschige Raster vor, die eben genau dieses Privileg, frei entscheiden zu können, einschränken.

Im Kurs Bleisatz 1, begleitet von unserem Druckermeister Günter Westermaier und mir, haben sich nun die Studierenden Antonia Aschenbrenner, Silvia Rädermacher, Marina Scalese, Christin Warncke und Sofia Wittmann mit unserem Semesterthema »Freiheit« auseinandergesetzt. Entstanden ist dabei ein buntes Potpourrie an Einzelblättern, das sich dem Thema spielerisch annähert. Skurril zusammengestellte Einzellettern diverser Schriften, umfunktioniertes Unterbaumaterial und Plakatschriften aus Holz dienten dabei als Material. »Es lebe die Freiheit!«

Fotos: Sybille Schmitz