Stehsatz

Typografie und Schrift, 1. Semester, Mediadesign Hochschule München, Klasse Prof. Sybille Schmitz
Freie Schriftarbeit (1. Semester): Mona Kerntke

Der Selbstähnlichkeit des typografischen Zeichensatzes eingedenk entwickelte Mona Kerntke ein auf geometrischen Grundformen basierendes Alphabet. Die einzelnen Buchstaben ergeben sich dabei aus einfachen Grundformen wie Kreis, Rechteck, Parallelogramm und Dreieck.

Im zweiten Schritt wurden die Zeichen aus weißem, leicht transparentem Papier ausgeschnitten und zu Wörtern gefügt, die Grundbegriffe der Typografie benennen: Form, Raum, Wort und Satz. Dabei liegen die einzelnen Buchstaben hintereinander und konterkarieren so die Leserichtung.

Es ergibt sich ein Gesamtbild, das mehr als die Summe der einzelnen Elemente, nämlich ein ganz neues Bild ergibt, als eine Art Schattenspiel. Gegen das Licht gehalten sind die einzelnen Papierschichten der Buchstaben einerseits erkenn- und lesbar, andererseits verlagert sich die Wahrnehmung von den einzelnen Buchstaben auf die Gesamtkomposition.

Derart entsteht ein faszinierend eigenwilliges Spiel aus Licht und Schatten, das wie Sonnenstrahlen wirkt, die durch ein Blättermeer oder durch Gardinen brechen, und an die Ästhetik deutscher expressionistischer Stummfilme erinnert – es würde nicht wundern, wenn Dr. Caligari ins Bild liefe.

Fotos: Mona Kerntke
 
Typografischer Ameisenhaufen

Für die gestellte Aufgabe, eine Kurzgeschichte von T.C. Boyle typografisch zu interpretieren, wählte Larissa Laurentzi »Die argentinische Ameise«.

Bei der titelgebenden Ameisenart, ursprünglich in Südamerika beheimatet, handelt es sich um eine besonders invasive Art, die sich mittlerweile weltweit verbreiten konnte. In der bizarren Erzählung bezieht ein junges Pärchen samt Kleinkind ein Häuschen in einem kleinen Ort, um peu a peu festzustellen, daß das Haus, ja der gesamte Ort von der argentinischen Ameise schlichtweg in Besitz genommen wurde.

Larissa Laurentzi hat diese Geschichte in gleichlange Abschnitte aufgeteilt und formal im Stile eines alten Faltplans umgesetzt. An den Stellen, an denen die Ameisen auftreten, verlassen die Buchstaben den Satzspiegel, beginnen selbst zu krabbeln und zu wimmeln, in unkontrollierbaren Ansammlungen und Bahnen über das Papier zu strömen. Die Ameise entflieht dem Autor.

Fotos: Sybille Schmitz
Hochdruck und Bleisatz 1

In diesem Wintersemester, das sich gegen die Pandemie, den daraus resultierenden Beschränkungen & gegen die in der Folge drohende Tristesse erwehren muss, besannen wir uns auf den klassischen Hochdruck und experimentierten bewusst spielerisch und farbenfroh. Die Studierenden, das sind Sarah Janson, Mona Kerntke, Josephin Oschmann, Felix Stoffel und Elena Straßner, haben mit großen Lettern und offenen Textstrukturen den gestalterischen Freiraum erkundet — ganz im Sinne von
Wassily Kandinskys Bonmot: »Buchstaben sind praktische und nützliche Zeichen, aber ebenso reine Form und innere Melodie«.

Begleitet von Druckermeister Günter Westermaier, der den Grundlagenkurs zusammen mit mir auch diesmal — zwischen Lockdown und Lockdown — durchführen konnte, eigneten sie sich die grundlegenden Herangehensweisen dieses Druckverfahrens an. Mit den lästigen, aber unverzichtbaren Alltagsmasken bewehrt gingen die fünf die Umstände konstruktiv an und thematisierten die Maskenpflicht auf Plakaten.

In einem freien Spiel der Formen und Farben entstand je nach Druckvorgang mit den Grundfarben ein neues, interessantes Zusammenspiel aus Raum, Farbmischung und Überlagerung. Besondere Erwähnung verdient das Plakat »Wear a damn mask«, dass für Anfänger besonders aufwendig zu fertigen war, da dafür vier unterschiedliche sowie ineinander passende Druckformen notwendig waren.

Den Werkstattführerschein am Ende des Grundlagenkurses, der zur selbständigen, freien Arbeit in der MD.H-Druckwerkstatt berechtigt, haben sich alle Teilnehmenden redlich verdient.

Fotos: Sybille Schmitz
Typografie (2. Semester): Laura Di Vita, Larissa Laurentzi, Helen Schulth

»It is my conviction that you cannot be a good type designer,
if you are not a book typographer« (Martin Majoor)

In ihrer Schriftanalyse untersuchen Laura Di Vita, Larissa Laurentzi und Helen Schulth die Schrift »FF Scala Serif« sowie »FF Scala Sans« des holländischen Schriftentwerfers Martin Majoor. Das Hauptbuch gliedert sich in drei Teile: der erste widmet sich zunächst allgemein der holländischen Schrifttradition, der zweite dem Schriftentwerfer Martin Majoor und der dritte dezidiert der Schriftanalyse der Serif-/ und Sans-Varianten mit anschließendem Schriftvergleich.

Die Rekonstruktion der holländischen Schrifttradition spannt den Bogen von
Christoffel van Dijck über Joh. Enschedé bis zu Jan van Krimpen, die diese Tradition maßgeblich geprägt haben. Der nächste Teil skizziert den Werdegang des Designers und Typographen Martin Majoor, zuerst in einer knappen Übersicht seines Lebenslaufes, gefolgt von einer Auflistung verschiedener Werke jenseits der »Scala«. Der dritte und letzte Teil befasst sich mit der Schriftanalyse der Varianten »Serif« und »Sans« eben jener Schrift, die in den Jahren ab 1990 veröffentlicht wurde und als veritable Pionierleistung in den Bereichen Desktop-Publishing bzw. digitalem Vertrieb gilt. Dabei werden die Punkte Entstehungsgeschichte, Klassifizierung, Psychogramm, Schriftschnitte, Buchstabenanalyse, Zusatzanalyse und Zurichtung sowie Lesbarkeit analysiert. Anschließend werden beide Schriftvarianten miteinander verglichen und von Anwendungsbeispielen ergänzt.

Fotos und Text: Laura Di Vita, Larissa Laurentzi; Redaktion: Sybille Schmitz
Typografie und Editorial Design (3. Semester): Diana Hix Molinari

Für die Umsetzung einer Erzählung von T.C. Boyle wählte die Studentin Diana Hix Molinari die Kurzgeschichte »Slate Mountain«. Darin bricht eine Gruppe Senioren auf zu einer geführten Bergwanderung, die in schlechtem  Wetter und in einigen Verwicklungen innerhalb der Teilnehmerschaft endet.

Prägende Idee war es, den titelgebenden, in Kalifornien gelegenen Slate Mountain in Form seiner Höhenlinien, wie man sie aus topografischen Karten kennt, als Negativ aus den Buchseiten zu stanzen. Die freie, herausgeschnittene Fläche in der Mitte wird im Laufe der Geschichte von Seite zu Seite immer kleiner. Da auch das Softcover gestanzt wurde, ermöglicht das Buch bereits im geschlossenen Zustand einen — zumindest — schmalen Anblick aller Seiten, aller Schichten. Die zehnte und letzte Seite ist die einzige, die nicht beschnitten ist.

Der Text der Geschichte folgt der Höhenlinie der jeweiligen Seite, er zeichnet damit die Handlung im wörtlichen wie im optischen Sinne nach. Die Augen des Lesenden wandern gewissermassen mit. Relevante Stellen im Text sind rot markiert, wie zusätzliche Informationen in einer topografischen Karte dienen sie hier als Hinweise auf das, was später passiert.

Als Schrift kam die Franklin Gothic Book zum Einsatz, das Papier ist naturweiß und mit 350g/qm auch sehr dick, was die Reliefhaftigkeit des negativen Höhenprofils enorm verstärkt. Das Cover ist sehr schlicht gehalten, um der Wirkung des zentralen Elementes — dem negativen Profil — nicht im Wege zu stehen.

Fotos: Sarah Janson, Redaktion: Sybille Schmitz
Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. 
Die Magazin-Ausgabe 2020 ist da!

2020 wird vor allem als eine Zeit der Veränderung, der Irritation, der nie zuvor dagewesenen Erfahrung in Erinnerung bleiben: Es ist das Jahr der weltweiten Covid-19 Pandemie, eine Zeit persönlicher, wirtschaftlicher und kultureller Einschränkungen in (fast) allumfassender Weise. Vorlesungen wurden auf Online-Plattformen gehalten, persönlicher Aus­tausch, Kunst und Kultur durften lange Zeit ausschließlich digital, anschließend nur maskiert stattfinden.

So fand sich unser belebter Seminarraum im April in den virtuellen Raum versetzt – briefmarkengroße Teilnehmervideos, ruckelnde Internetverbindungen, Übertragungsprobleme gehörten fortan zu unserem kreativen Alltag. Nicht selten habe ich in der zurückliegenden Zeit gebangt um die nachhaltige Vermittlung stabiler typografischer und ge­stalterischer Grundlagen, die der Detailgenauigkeit, der intensiven Auseinandersetzung und Selbstreflexion fernab ephemerer Trends bedürfen. Das Semester ist vorbei und ließ aufgrund der Disziplin der Studierenden dennoch interessante, stimmige Projekte entstehen, von denen nun eine Auswahl im Stehsatz #6 vorgestellt wird.

Das Magazin ist in diesem Jahr durch das Engagement und die Hilfe vieler Unterstützer und Unterstützerinnen zustande gekommen – ohne diese Hilfe hätte es die diesmal um ein vielfaches höheren Hürden nicht überwunden. Es gilt den Widerständen mit Widerstand zu begegnen und so obliegt diesem Magazin heuer die zusätzliche Aufgabe, nach dem Rückschlag in allen Lebensbereichen, aus der Tristesse der erzwungenen Isolation, eine Verve zu entfachen, einen Ausblick in die Welt und in Zukünftiges zu vermitteln: Es will darum umso mehr Inspiration, Bühne und Ausblick auf Branchenrelevantes sein.

Interessante Einblicke in die aktuelle Designszene gewähren das Pariser Büro »My Name ist Wendy« sowie »Studio Bruch« aus Graz. Als Themenschwerpunkt haben sich die Studie­renden in diesem Jahr mit aktuellen Tendenzen in der Schriftgestaltung beschäftigt. Die Alumni Daniela Ibler, Lena Maidl, Sophie Schillo und Sandra Tammery berichten von ihrem persönlichen Werdegang und in der Rubrik »Bleisatz und Druck« werden Ergebnisse unserer Münchner Werkstatt präsentiert. Auch in diesem Jahr rundet ein vielfältiger »Showroom«, der Studentenarbeiten aus den Bereichen Editorial Design, Kalligrafie, Typografie und Visualisierung zeigt, das Magazin ab.

Typografie (2. Semester): Celina Hofmann, Michaela Kappes und Katharina Lutz
Buchprojekt »Rockwell« – Eine Schriftanalyse

Das Buchprojekt ist zum Einen eine tiefgreifende Analyse der »Rockwell«, darüberhinaus vermittelt es Hintergrundwissen, etwa zur Geschichte der Serifenbetonten Linear-Antiqua-Schriften, denen die Rockwell zuzuordnen ist, sowie Historisches über den traditionsreichen Schriftenhersteller »Monotype«, wo die Schrift Rockwell von Frank Hinman Pierpont entworfen wurde.

Das Buch sollte in seiner Gestaltung modern anmuten, wir wählten deswegen neben den Grundfarben schwarz (Schriftfarbe) und weiß (Seitenfarbe) den frisch wirkenden Farbton Grün — z. B. für Markierungen, Marginalien, auch für Kapitelanfänge. Transparenzseiten finden gelegentlich im Buch Verwendung und weisen ebenso grüne Zeichen auf.

Die umfangreiche Monotype-Historie, die untrennbar mit der Rockwell verknüpft ist, fassen wir in einem Zeitstrahl zusammen, womit ein schneller Überblick gewährleistet ist. Abbildungen begleiten die Leiste. Wichtig erscheint uns, dass die heute veralteten Druckverfahren und Prozesse der Schriftenentwicklung veranschaulicht werden.

Frank Hinman Pierpont wird in einem eigenen Kapitel gewürdigt, das seinen Werdegang und sein typografisches Wirken behandelt.

Fotos und Text: Celine Hofmann, Michaela Kappes, Katharina Lutz
Typografie (2. Semester): Katharina Lutz

Das systematische, experimentelle Erproben der Anordnung von Schrift, der Wirkweise von Weißräumen und Typen, das Spiel mit Satzformen und ihre Dekomposition sind wesentliche Methoden der typografischen Grundlagengestaltung.

Katharina Lutz hat in ihrer Entwurfsreihe 100 rein typografische Gestaltungen geschaffen, die das jeweiligen Zitat untermauern oder auch konterkarieren. Sie kombiniert dabei geschickt Schriften, spielt mit Positiv- und Negativräumen bis hin zur vollständigen Dekonstruktion von Zeichen und Satzfolgen, kurz: sie spielt recht virtuos auf der Klaviatur der Typografie.

Grafische Zeichen (2. Semester): Larissa Laurentzi
Entwurfsreihe für das Münchner Marionettentheater

Thema der Arbeit der Studentin Larissa Laurentzi ist der visuelle Auftritt einer Kulturinstitution, in diesem Fall des renommierten und traditionsreichen Münchner Marionettentheaters.  Der Entwurf entwickelt aus dem für das Marionettenspiel typische Bild sich kreuzender, dünner, sich an die Senkrechte anlehnender Fäden ein abstraktes M, das als Logo fungiert. Kombiniert im farbfrohen Spiel der Töne Türkis, Magnat, Lila, Rot und Schwarz entsteht eine klare, abstrakte grafische Sprache, die sich aus dem Zeichen – also dem abstrahierten Buchstaben M – und dessen Neuarrangement bzw. Vervielfältigung selbst ergibt.

Neben etlichen Anwendungen der Geschäftsausstattung entsteht eine spielerische Plakatreihe, die das Logo zu interessanten grafischen Strukturen verbindet. Die Farben dienen zur Strukturierung des Angebotes hinsichtlich der Besuchergruppen.

Erscheinungsbild für das Münchner Marionettentheater
Grafische Zeichen (2. Semester): Katharina Lutz

Aufgabe war, den visuellen Auftritt einer Institution aus dem kulturellen Leben Münchens zu gestalten. Die Wahl fiel auf das Münchner Marionettentheater, das sich in einem pittoresken Gebäude in der Nähe des Sendlinger Tores befindet. Es gilt als erster fester Marionettentheaterbau der Welt und zählt im deutschsprachigen Raum zu den renommiertesten Puppentheatern. Seit 2000 hat der Puppenspieler, -bauer und -sprecher Siegfried Böhmke die Intendanz des Hauses inne. Die gespielten Stücke sind vor allem Märchen, Opern, Operetten, sowie Weihnachtsstücke und Klassiker, mit denen sowohl Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene angesprochen werden.

Der Entwurf aus der Feder von Katharina Lutz stellt Kasperl Larifari ins Zentrum der Überlegungen. Ausgehend von der reduzierten Figur entwickelt sie eine abstrakte, moderne grafische Sprache. Die Herangehensweise an das Zeichen basiert auf Geometrisierung der Formen. Durch die Reduktion des Kopfes auf die wesentlichen Bestandteile entsteht eine schlichte Gestalt, die anschließend in geometrische Formen umgewandelt wird. Das entwickelte abstrakte Zeichen ergibt durch die Aufteilung in Einzelformen und mittels Zerlegung und Anpassung der Negativräume interessante Variationen und eine eigenständige Formensprache. Diese Experimente werden als Basis für die gesamte Zeichensprache des Theaters herangezogen.

Durch ihren maskenhaften Charakter passen sie sich spielerisch an die darstellende Kunst eines Theaters an. Dies taucht auch in Anwendungsbeispielen wieder auf. Die beiden harmonischen Hauptfarben Lila (Berry) und Blau unterstreichen einen märchenhaften Flair und auch das Spielerische der Marionetten. Entstanden sind eine Wort- und Bildmarke sowie etliche Anwendungen. Sehenswert!