Stehsatz

Musikvisualisierung des Kraftwerkklassikers »Boing Boom Tschak«
Visualisierung (1. Semester): Ingrid Trojer

Eine im wahrsten Sinne feurige Gestaltung hat Ingrid Trojer mit ihrer Musikvisualisierung des Kraftwerkklassikers »Boing Boom Tschak« kreiert. Das Objekt, das aus Hunderten von eingefärbten Zündhölzern besteht, die in akribischer Kleinstarbeit eingefärbt wurden, bildet die Wörter »Boing Boom Tschak« in knallig bunten Farben. Entsprechend den der Comicwelt entlehnten, lautmalerischen Begriffen ergeben die Streichhölzer Sprechblasen. Die Reliefhaftigkeit der unterschiedlich gesetzten Streichholzköpfe unterstreicht die Plastizität und verstärkt die an Roy Lichtenstein erinnernde poppige Ausdruckskraft. Bei der mehr als mühevollen Arbeit wurde Ingrid Trojer von ihrem jüngeren Bruder unterstützt, der sich eine dafür anerkennende Erwähnung wünschte – hiermit geschehen!

Alles in Allem mehr als gelungen.

Fotos: Sybille Schmitz
Kalligrafie (1. Semester): Eva-Maria Oberauer

Ein Mix aus modernen kalligrafischen Streetartelementen und archaisch wirkenden, düsteren Zeichenfolgen bilden die Grundlage von Evas kalligrafischem Dyptichon. Damit setzt sie das Lied »Königin der Nacht« – ein eher düsterer Song der Band »Schwarzer Engel« – inhaltlich wie gestalterisch ins passende Licht. Musik und Text thematisieren einerseits strahlende Schönheit, andererseits Obsession und absolute Hingabe an das Dunkle.

Der Dualität des Songs wird Eva durch ein kalligrafisches Dyptichon gerecht, das den Text im Positivraum wie im Negativraum visualisiert. Die entwickelten Schrifttafeln verbreiten dabei eine irritierende Wirkung, als wäre es unheilvoll, sie zu lesen, als wären die Texte dem menschlichen Auge im Lovecraft’schen Sinne nicht zugedacht.

Fotos: Marina Scalese
Typografie (2. Semester): Christin Warncke
Buchgestaltung: Typografie in der Weimarer Republik (1918–1933), Beitrag 1

Die Weimarer Republik symbolisiert in Deutschland den ersten Versuch eines demokratischen Neubeginns nach dem ersten Weltkrieg. Die Zeit selbst war von Wirtschaftskrisen, Inflationen, politischen Umsturzversuchen sowie aufkeimendem Nationalismus geprägt. In diesem Spannungsfeld entstanden in Deutschland unterschiedliche künstlerische Strömungen, die Tradiertes in Frage stellten und zum Fundament des heute gängigen Gestaltungsmaßstabes wurden.

Die berufsbegleitende Klasse Media Design hat sich im Wintersemester 2018/19 dem Thema gewidmet. Entstanden sind eine Reihe sehenswerter Büchlein.

Christin Warncke widmete sich mit ihrer Arbeit dem Typografen Jan Tschichold und teilt, um dessen facettenreichem Lebenswerk gerecht werden zu können, ihr Büchlein in zwei Teile. So behandelt der Erste die Neue Typografie (1925, Sonderausgabe »elementare typographie« der Typographischen Mitteilungen) und Tschicholds radikalen Wunsch nach klarer Gliederung, einfachem Raumaufbau und Reduktion auf serifenlose Schriften. Er griff dabei Gedanken von Lázló Moholy-Nagy auf, die zunächst nur einem engen Künstlerzirkel zugänglich waren und machte diese für Akzidenz Setzer nutzbar.

Später wendet sich Jan Tschichold, der in der Zeit des Nationalsozialismus unter Diffamierung zu leiden hatte und in die Schweiz emigriert war, von den radikalen Gedanken seiner »Neuen Typografie« ab (»sie ist ebenso restriktiv wie es die NS-Regierung gewesen ist«) und entwickelt die wunderbare Antiqua »Sabon«, die seit einigen Jahren digitalisiert zur Verfügung steht. Und so legt der zweite Teil des  Büchleins den Schwerpunkt auf die Satzschrift Sabon.

Das Buch selbst ist eine Schweizer Broschur. Alles in allem mehr als sehenswert.

Fotos: Marina Scalese

 

Visualisierung (1. Semester): Ingrid Trojer

Die Aufgabe »Stadt anders sehen« beinhaltet die Visualisierung der räumlichen Zusammenhänge Einöde, Gehöft, Dorf, Stadt, Megacity/Metropole in Objektform.

Es sind 5 einzelne Objekte – ausgehend von einer Kubusform – entstanden, die das jeweilige Charakteristikum illustrieren. So zeichnet sich die Einöde durch das Fehlen von Siedlungselementen aus. An dem Kubus selbst befindet sich nur ein karger Baum, das Gehöft hingehen enthält erste abstrakte Siedlungselemente. Im starkem Kontrast dazu steht am Ende die enorm facettenreiche Megacity (unter Megacity werden Städte verstanden, die 10 Millionen oder mehr Einwohner beherbergen).

Die Farbgebung entwickelte sich individuell durch das Schreddern und Neuanordnen von Fotos der jeweiligen Wohnstrukturen. Die Farben, die sich daraus ergeben, wirken im Gesamtbild paradoxerweise fast einheitlich.

Die in Reihe gestellten Modelle zeigen in der Abfolge die Weiterentwicklung oder Metamorphose der einzelnen Zustände, von der Einöde zur Metropole.

Fotos: Marina Scalese
Kalligrafie (1. Semester): Nadja Schäffer

Die Studentin Nadja Schäffer greift in ihrer Arbeit aus dem ersten Semester auf die Geschichte von Rapunzel zurück, um sie kalligrafisch höchst kunstvoll zu einer Art Textteppich zu verweben. Die optisch homogen wirkende Textfläche erstreckt sich wie ein Läufer, in ihrer Ebenmäßigkeit erinnert sie an ein ausgerolltes, wertvolles Pergament.

Ihre Technik manche Zeichen der Schrift in halber Größe übereinander gestellt zu schreiben, verstärkt den Effekt einer textilen, gewobenen Gesamtfläche, die förmlich dazu einlädt mit der Hand darüber zu streichen.

Fotos: Marina Scalese
Freie Schriftarbeit (1. Semester): Selina Schwander
Botanical – Drucke mit unterschiedlichen Hölzern

In ihrer freien Schriftarbeit experimentierte Selina Schwander mit der Technik des Holzdruckes. Hierbei fertigte sie die einzelnen Lettern des Wortes »Botanical« aus unterschiedlichen Hölzern, um mit der gewachsenen, einzigartigen Struktur und Härte des Naturmaterials zu spielen.

So fanden in den Drucken, zusammengefasst in einem eleganten Mappenwerk, unter anderem Buchen-, Eiben- wie auch Fichtenholz Verwendung. In stets gleicher Anordnung der Buchstaben findet sich der Begriff mittels Linolfarbe farbenfroh, in gedeckten und doch kräftig-natürlichen Farben auf das Papier gedruckt. Dieses Mappenwerk, entstanden aus einer einfachen, klaren Idee, mit feinem Gespür für das Material und der Bereitschaft einen externen, nicht kontrollierbaren Faktor in den Entstehungsprozess einzubeziehen – in diesem Fall die eigenwillige Struktur des Holzes –, ist ein visuell höchst ansprechendes Experiment. Absolut sehenswert!

Fotos: Selina Schwander, Sybille Schmitz
Typografie (2. Semester): Thomas Fäckl
Form und Funktion – ein virtuoses Spiel in Buchform

»Typografie stellt […] vielfältige Aufgaben«* – primär geht es um Lesbarkeit, aber im Sinne künstlerischer Textgestaltung kann auch die Form im Vordergrund stehen.

In seinem experimentellen Büchlein spürt Thomas Fäckl der Beziehung zwischen Typografie, Inhalt und Satzanordnung nach. Seine Formstudie bricht dabei althergebrachte Textstrukturen auf, arrangiert die Bestandteile neu, spielt mit der Leserichtung und stellt den hehren Gesetzen Weidemanns kontrastierend deren Bruch gegenüber. Das bewußte Konterkarieren verstärkt auf vergnügliche und erstaunlich anschauliche Weise die Bedeutung der typografischen Gebote. So entstand ein spielerisches Textexperiment, das Gespür für Schrift schärfen kann. Sehenswert!

* Kurt Weidemann, Fotos: Sybille Schmitz
Freie Schriftarbeit  (1. Semester): William Kirchinger
The W – vielfältige Annäherung an tradierte Initialienentwicklung

In seiner freien Schriftarbeit »the W« zeichnete William eine Initiale nach den etablierten Regeln des Handlettering. In der tatsächlichen Anwendung ging er dabei zwei sehr gegensätzliche Wege. Er druckte sein Zeichen unter Zuhilfenahme eines vorab gefertigten Magnesiumklischees in unserer Buchdruckwerkstatt in Blau mit dezenten Goldelementen. Darüber hinaus erstellte er eine Schablone für seine groß dimensionierte Graffiti-Anwendung. Mit Hilfe dieser sprühte er ein helles Kreidespray auf dunklen Boden. Beide Darstellungsformen sind einerseits völlig gegensätzlich in Herstellung, Darbietung und Material, andererseits ergänzen sie sich gut und illustrieren die Schriftarbeit auf verschiedenen Ebenen. Beide Formen sind auf jeden Fall & im besten Sinne gelungen.

Fotos: Lucas Wurzacher, Sofia Gronard, Sybille Schmitz
Freie Schriftarbeit (1. Semester): Marina Scalese

»Think outside the box« nennt Marina Scalese ihre filigrane Papierarbeit. Das Objekt selbst ist ein handwerklich sauberer Scherenschnitt, der den umgebenden Papierrahmen im Wortsinn verlässt. Schriftgestalterisch schafft Frau Scalese dabei einen Hybrid aus tradierten Fraktur- und modernen Streetartelementen, den sie in akribischer Detailarbeit abschließend schattiert hat.

Fotos: Janina Engel
Typografie kann unter Umständen Kunst sein
Typografie (2.Semester): Clara Baber

»Typografie kann unter Umständen Kunst sein«, so lautet die erste von 10 Thesen von Kurt Schwitters, die er 1924 in der Ausgabe 11 seiner MERZ-Hefte veröffentlichte. Eine gewagte These, die die Fachwelt heute noch ebenso wie damals spalten dürfte, da die Typografie doch ein festes Regelwerk darstellt, ein System, das dem Leser dient, ohne formale Spielerei auskommt und nicht eigenmächtig auftreten will.

Clara Baber hat mit ihren Versuchsreihen eindrucksvoll gezeigt, dass Typografie und Kunst durchaus vereinbar sind. Sie hat es geschafft, besagte »Umstände« zu bewerkstelligen, in denen das Werkzeug Typografie die zugedachten Sphären zu verlassen und in den Bereich der Kunst einzudringen vermag.  Spielerisch komponiert sie mit analogen, künstlerischen Druckverfahren Schwitters Thesen zu mutigen Plakaten im Stempel-, Faden-, Papier- und Handabdruck. So entstehen virtuose, gestalterische Kleinode. Höchst sehenswert, denn Clara Babers Plakate sind augenscheinlich Kunst!