Stehsatz

Freie Schriftarbeit (1. Semester): William Kirchinger
Freie Schriftarbeit  (1. Semester): William Kirchinger
The W – vielfältige Annäherung an tradierte Initialienentwicklung

In seiner freien Schriftarbeit »the W« zeichnete William eine Initiale nach den etablierten Regeln des Handlettering. In der tatsächlichen Anwendung ging er dabei zwei sehr gegensätzliche Wege. Er druckte sein Zeichen unter Zuhilfenahme eines vorab gefertigten Magnesiumklischees in unserer Buchdruckwerkstatt in Blau mit dezenten Goldelementen. Darüber hinaus erstellte er eine Schablone für seine groß dimensionierte Graffiti-Anwendung. Mit Hilfe dieser sprühte er ein helles Kreidespray auf dunklen Boden. Beide Darstellungsformen sind einerseits völlig gegensätzlich in Herstellung, Darbietung und Material, andererseits ergänzen sie sich gut und illustrieren die Schriftarbeit auf verschiedenen Ebenen. Beide Formen sind auf jeden Fall & im besten Sinne gelungen.

Fotos: Lucas Wurzacher, Sofia Gronard, Sybille Schmitz
Freie Schriftarbeit (1. Semester): Marina Scalese

»Think outside the box« nennt Marina Scalese ihre filigrane Papierarbeit. Das Objekt selbst ist ein handwerklich sauberer Scherenschnitt, der den umgebenden Papierrahmen im Wortsinn verlässt. Schriftgestalterisch schafft Frau Scalese dabei einen Hybrid aus tradierten Fraktur- und modernen Streetartelementen, den sie in akribischer Detailarbeit abschließend schattiert hat.

Fotos: Janina Engel
Typografie kann unter Umständen Kunst sein
Typografie (2.Semester): Clara Baber

»Typografie kann unter Umständen Kunst sein«, so lautet die erste von 10 Thesen von Kurt Schwitters, die er 1924 in der Ausgabe 11 seiner MERZ-Hefte veröffentlichte. Eine gewagte These, die die Fachwelt heute noch ebenso wie damals spalten dürfte, da die Typografie doch ein festes Regelwerk darstellt, ein System, das dem Leser dient, ohne formale Spielerei auskommt und nicht eigenmächtig auftreten will.

Clara Baber hat mit ihren Versuchsreihen eindrucksvoll gezeigt, dass Typografie und Kunst durchaus vereinbar sind. Sie hat es geschafft, besagte »Umstände« zu bewerkstelligen, in denen das Werkzeug Typografie die zugedachten Sphären zu verlassen und in den Bereich der Kunst einzudringen vermag.  Spielerisch komponiert sie mit analogen, künstlerischen Druckverfahren Schwitters Thesen zu mutigen Plakaten im Stempel-, Faden-, Papier- und Handabdruck. So entstehen virtuose, gestalterische Kleinode. Höchst sehenswert, denn Clara Babers Plakate sind augenscheinlich Kunst!

Ein studentisches Projekt der MD.H München

Es herrscht Betriebsamkeit in unserer Druckwerkstatt: Seit Tagen wird skizziert, unterbaut, gesetzt, gedruckt, bisweilen geflucht, nachjustiert und schließlich vollendet. Die Media Design-Studierenden Jakob Kreitner, Dani Ibler, Nico Janson und Thomas Fäckl bereiten sich, bewaffnet mit einer »Nudel« (das ist eine kleine Abzugspresse), auf ihren Besuch der Handwerksmesse vor. Das kleine Grüppchen an Studierenden darf in diesem Jahr eigens gestaltete Karten zum Jahreswechsel unter der Ägide von Werner Hiebel von der officin albis an seinem Stand bei der KreARTiv am 27. und 28. Oktober in München zum Druck anbieten.

Dies hat einigen Ehrgeiz geweckt, auch deshalb, weil man Werner Hiebel, bekannt für seine erlesenen Bücher im Handsatz, begleiten darf. Und so staune ich nicht schlecht über das bunte Potpourri an Illustrationen und Textarbeiten, die im Vorfeld entstanden sind. Dabei sollen die Messebesucher einen Einblick erhalten, wie eine Druckform aussieht, worauf es beim Drucken ankommt und selbstverständlich auch, dass eben dieses »Handwerk« eine formidable Kunst ist. Die Kartenmotive der Studierenden können am Stand selbst gedruckt werden. Zur Sicherheit ist im Vorfeld eine kleine Auflage gefertigt worden, damit das Ergebnis auch die gewünschte Qualität zeigt.

Bemerkenswert ist auch die Bachelorarbeit von Sophie Wagenknecht (Fakultät 6, Druck- und Medientechnik, HS-München), die aus unterschiedlichen Materialien in akribischer Arbeit diverse Klischees im Lasergravurverfahren erstellt und gedruckt hat. Ihre Arbeit ist auf dem Messestand ebenfalls zu begutachten.

Ein Besuch in der Ständlerstraße am Stand von Werner Hiebel in München ist für alle Handsatzliebhaber, Gestalter und die, die es werden wollen, wirklich lohnenswert!

Fotos: Jakob Kreitner, Sybille Schmitz
Typografie (1. Semester): Magdalena Stricker

Das Thema der Arbeit von Magdalena Stricker ist der Nationalsozialismus, oder besser gesagt die Phase der nationalsozialistischen Herrschaft, die die historisch vergleichsweise kurze Dauer von zwölf Jahren umfasst, an Abscheulichkeit jedoch jeglichen historischen Vergleich schlichtweg sprengt.

Im »Laut« sind die Jahreszahlen der Herrschaftszeit des Nationalsozialismus zu erkennen, von der Machtergreifung bis zum Zerfall. In Stichpunkten wie »Rasse«, »Führer«, »Arier« oder auch »KZ« werden den Eckdaten dieser Zeitspanne lose Schlagworte zur Seite gestellt.

Im »Leise« findet sich unter einem Kreuz und der zeitlichen Kennzeichnung 33–45 eine Namensliste mit Opfern aus verschiedenen Konzentrationslagern. Diese, gemessen an der Zahl der Opfer insgesamt, verschwindend kleine Auswahl wurde stellvertretend zusammengestellt. »Leise« ist hier der angemessene typografische Tonfall, zum einen weil die schiere Menge der Opfer, selbst in der kleinen Auswahl, die kleine Schriftgröße erzwingt, und zum anderen weil es die Pietät eingedenk der ermordeten Menschen gebietet.

Das Thema wurde gewählt just in einer Zeit, in der sich virulentes faschistisches Gedankengut wieder epidemisch ausbreitet. Viele Menschen haben die Zeit des Nationasozialismus gewissermassen in Geschichtsbüchern »abgeheftet« und unterschätzen heute womöglich die Folgen, vor denen der elementare Grundsatz »Wehret den Anfängen« schützen möchte. Im Sinne dieses Grundsatzes ist das Leporello entstanden.

Fotos: Janina Engel
Stehsatz #4 – Ungewöhnliche Lösungen, Mut, Geschmacksrichtungen und Reisefieber

Pünktlich zum Beginn des Wintersemesters 2018/19 erscheint unser Magazin Stehsatz bereits in der vier­ten ­Ausgabe. Die Kernthemen des vergangenen Jahres rekapitulierend legen wir zugleich einen starken Fokus auf höchst aktuelle Entwicklungen in Schriftgestaltung und Typografie – so zum Beispiel Variable Fonts, Progressive Punktuation und Colourfonts, um nur einige Entwicklungen zu nennen.

Wenig verwunderlich ist, dass der kreative Humus für viele ­neuartige Tendenzen in der Typografie in der altbewährten Tradition des Buchdrucks zu finden ist. So koppelt etwa Novotye aus Amsterdam digitale mit analoger Technik und überzeugt mit dem Schrift-Projekt Typewood.

Stehsatz #4 legt einen weiteren Themenschwerpunkt auf Internationalität und die damit verbundenen unterschiedlichen kulturellen Blickwinkel.

Unter der Rubrik Designerportrait haben uns Artiva Design aus Genua und Studio Mut aus Bozen einen Einblick in ihre Arbeit gegeben. Weit weg vom dolce far niente überzeugen beide Büros südlich der Alpen mit gehaltvollem, ungewöhnlichem, mutigem Design und machen enorm Lust auf den Beruf des Designers.

Fremde Schrift und Sprache, Designer und Studierende, Städteportraits aus Okzident und Orient sind enthalten. So zeigt uns Sandra Tammery im Reisetipp auf, warum Milton Glasers bekannter Slo­gan I love NewYork heute noch gültig ist. Dani Ibler berichtet von ihrer Praktikumszeit aus der Wüstenstadt Dubai. Und die Frage »was wurde ­eigentlich aus?« beantworten Kevin Kremer, Alumnus der MD.H und 2018 Masterabsolvent am Royal College of Art in London, sowie Hanna Rasper, die es nach Paris verschlagen hat.

Die Rubrik Bleisatz darf selbstverständlich nicht fehlen. Hier gibt es unter anderem typografische Textstudien und Satzexperimente zum Werk des Schrift­stellers Thomas Bernhard zu sehen.

Ein Nachruf auf Peter Gericke, der leider Anfang Juni nach langer Krankheit verstarb, findet sich auf Seite 66. Es ist der Versuch, seinen immensen Beitrag für unsere Druckwerkstatt, aber auch darüberhinaus für den Enthusiasmus, der hier bei der Arbeit entstand, mit Worten zu würdigen.

Abgerundet wird unser Magazin wie immer mit dem Showcase aus den Bereichen Visualisierung, Typogra­fie und Schrift.

Fotos: Thomas Mayrhofer
Typografie (2. Semester): Antonia Aschenbrenner

Spontanität und Zufall stehen eigentlich im Widerspruch zum Wesen der Typografie. »Typografie ist die Kunst des feinen Maßes« (Weidemann, Kurt: Zehn Gebote der Typografie), eine Dienstleistung nach gegebenen Regeln, die logische Denkprozesse anschiebt, nicht zu wenig, aber eben auch nicht zu viel. Die legendären­ »zehn Gebote Kurt Weidemanns« postulieren in der Essenz ebendies, also keine Mätzchen zelebrieren, das Rad nicht neu erfinden und bitte bitte immer lesbar bleiben.

Gerade deshalb scheinen diese Sätze des Typografen Kurt Weidemann geradezu prädestiniert zu sein, Variationsreihen zu erproben, den linearen Lesevorgang in Frage zu stellen, Texte und Inhalte abzuwandeln, den Inhalt korrekt aber eben auch ins gerade Gegenteil verkehrt zu inszenieren. Selbstverständlich nur mit rein typografischen Mitteln.

Antonia Aschenbrenner hat sich in ihren Studien dem 5. und 7. Gebot Kurt Weidemanns gewidmet. Sie hat hierbei typografisch informiert, jongliert, dekonstruiert, orchestriert, arrangiert und komponiert. Entstanden ist dabei eine Reihe sachlich-logischer, aber auch ästhetisch-emotionaler Einzelblätter. Höchst vergnüglich.

Fotos: Sybille Schmitz
Henry David Thoreau, Walden 
Entwicklung einer komplexeren Drucksache

Der Autor und Philosoph Henry David Thoreau passt gut zum Semesterthema der Handsatz-Werkstatt – »Freiheit«. Zu Lebzeiten politisch relativ unbedeutend, gilt er heute als »Prophet des zivilen Ungehorsams« und diente Freiheitskämpfern wie etwa Martin Luther King oder Mahatma Gandhi als Vorbild. Thoreaus Buch »Walden« ist als Klassiker für ein »alternativeLeben« bzw. die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit bekannt. Der Autor kehrte 1845 der Zivilisation für zwei Jahre den Rücken und zog sich in die Wildnis und Einsamkeit an den Waldensee in Neuengland zurück. Seine Beobachtungen, die während dieser Zeit der Einsamkeit und Enthaltsamkeit entstanden sind, sind unvoreingenommen, scharfsinnig sowie mutig. Sie haben auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren und spiegeln die Sinnsuche des Menschen in einer immer rastloser werdenden Gesellschaft.

Im Handsatzkurs von Schriftsetzermeister Klaus Hanitzsch entstand nun unter akribischer Einzelarbeit eine Leseprobe im Format 135 x 210 mm, die alle klassischen Regeln der Buchgestaltung beachtet. Melanie Knappe, Thomas Fäckl und Jochen Schuster staunten dabei nicht schlecht, was es so alles an Kniffen und Regeln in der Buchtypografie gibt.

Register- sowie Zeilen in Schön- und Widerdruck zu halten ist an einer einfachen FAG Abzugspresse mit einigem Aufwand verbunden, der Druck muss ideal dosiert sein. Klaus Hanitzsch hat dabei unbeirrbar mit Muße und viel Feingefühl unermüdlich korrigiert und Schieflagen zurecht gerückt.

Damit die Freiheit bei dem eher streng wirkenden Projekt nicht gänzlich verloren geht, sind die Schutzumschläge von jedem Studierenden individuell gestaltet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und wird die Tage fertiggestellt.

Freie Schriftarbeit (1. Semester): Benedikt Hörmannsdorfer

In seiner experimentellen Arbeit befaßt sich Benedikt Hörmannsdorfer mit den unterschiedlichen Stadien des Verfalls eines organischen Materials. Die Idee war, die Buchstaben, akribisch aus dem Fleisch eines Apfels herausgeschnitten, zum Wort »Faul« zusammenzusetzen und schließlich dem Begriff entsprechend verfaulen zu lassen. Die Widerborstigkeit eines natürlichen Materials zeigt sich hier ironischerweise darin, dass die Apfelstücke – anstatt zu verfaulen – vertrockneten. Dennoch ist eine visuell interessante und amüsante Serie an Bildern entstanden, die ein zunächst statisches Schriftbild mit einem natürlichen, damit auch unkontrollierbaren Prozess verknüpfen.

Fotos: Benedikt Hörmannsdorfer
Bleistaz 1: Einzelblätter zum Thema »Freiheit«
Typografische Textstudien und Satzexperimente

»Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.« (Perikles, 5. Jhr. v. CHR.)

Freiheit, was ist das? Ein Wert, ein Abstraktum, ein Gefühl. Sie exisitiert in vielen Formen: beispielsweise die geistige Freiheit, die gestalterische Freiheit, die freie Seele, die Vogelfreien, die Handlungsfreiheit, die Freiheitsstatue, der Freiraum. Freiheit bedeutet im Wortsinn »ohne Zwang entscheiden zu können«. Freiheit wurde schon in den Wäldern (Thoreau) gesucht, aber auch in hohlen Gassen (Schiller) erzwungen. Gedanken sind frei. Oder doch nicht?

Aber gerade diese Freiheit ist eben auch ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Vielmehr fürchten wir uns oft vor allzu grosser gestalterischer Freiheit und ziehen ihr engmaschige Raster vor, die eben genau dieses Privileg, frei entscheiden zu können, einschränken.

Im Kurs Bleisatz 1, begleitet von unserem Druckermeister Günter Westermaier und mir, haben sich nun die Studierenden Antonia Aschenbrenner, Silvia Rädermacher, Marina Scalese, Christin Warncke und Sofia Wittmann mit unserem Semesterthema »Freiheit« auseinandergesetzt. Entstanden ist dabei ein buntes Potpourrie an Einzelblättern, das sich dem Thema spielerisch annähert. Skurril zusammengestellte Einzellettern diverser Schriften, umfunktioniertes Unterbaumaterial und Plakatschriften aus Holz dienten dabei als Material. »Es lebe die Freiheit!«

Fotos: Sybille Schmitz