Stehsatz

unverstanden
Bachelorarbeit: Larissa Gorzawski
Philipp Luidl († August 2015)
unverstanden

die neugier des fensters

wächst mit der dunkelheit
lösch ich das licht

wendet das fenster
sich an den himmel

dort redet der stern
die sprache der schöpfung

und nacht für nacht
wiederholt das glas
die unverstandenen worte

Was kann man finden – nur in diesen paar Zeilen Text? Schon auf den ersten Blick werden aus dem Gedicht des Typografen Philipp Luidls intensive Emotionen ersichtlich – aber was, wenn man noch tiefer geht?

Mit Feder und Tinte spüre ich in meiner Bachelorarbeit allem nach, was in diesen elf Zeilen Text verborgen ist. Ich verzeichne die Rhythmik und die Balance ebenso wie die Emotionen, bis eine dichte, umfassende Karte entsteht.

Autor: Larissa Gorzawski, Fotos: Lars Reiners

Kalligrafie 2. Semester
Julia Nitzsche

»I see fire« ist ein Song von Ed Sheeran, der Ende letzten Jahres als Titelmusik zum Film »Der Hobbit: Smaugs Einöde« sehr bekannt wurde. In dem Lied geht es um die Kerngeschichte des Films, um Vernichtung, Elend, Feuer, Tod. Doch auch die Hoffnung und der gemeinschaftliche Zusammenhalt spielt im Lied, wie auch im Film, eine bedeutende Rolle. So soll auch diese Arbeit beide Seiten widerspiegeln.

Zum einen verdeutlicht der verbrannte Untergrund den Untergang und die Vernichtung des Dorfes im Film, das durch einen riesigen Drachen verbrannt wurde. Die Holzplatte wurde dazu angezündet, bis die Oberfläche rußig schwarz wurde und anschließend mit goldener Tinte bearbeitet.

Zum anderen symbolisieren die Schriftbahnen die Hoffnung und den Zusammenhalt im Lied. Eine Schrift, die für immer bleibt, egal was mit ihr passiert. Hier wurden die Leinwandstücke nach dem beschriften teilweise angezündet, wodurch ein effektvolles Gesamtbild entsteht. Trotz der Zündelei ist der Text immer noch lesbar, was gut zum Sinnbild passt. Die Schrift an sich entstand frei aus der Hand heraus.

Kalligrafie 2. Semester
Natalie Krönauer

Oft werden wir vom hektischen Alltag vereinnahmt, und die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben bleibt auf der Strecke. Während der Zeit im 2. Semester fand ich das folgende Zitat über die Zeit sehr passend. »Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit die uns etwas gibt.« Er ist ein Mutmacher und gleichzeitig eine Aufforderung die wertvolle Zeit zu schätzen.

Das Zitat von Ernst Ferstl wurde mit einem schwarzen Fineliner mehrmals übereinander geschrieben, dass einen Strudel der Zeit darstellen soll. Um einen einheitlichen Stil zu schaffen wurde mit dem Schreiben der einzelnen Zeichen experimentiert. Es wurde versucht, die Zeichen aus einer lockeren Handbewegung heraus zu schreiben und einzelne Buchstaben wurden an ihren Enden verlängert. Je mehr Textzeilen übereinander geschrieben wurden, umso weniger lesbar aber umso dunkler und wirkungsvoll erschien der Text.
Fotos: Lars Reiners
Kalligrafie 2. Semester
Sonja Schröder

Henri Fords Zitat » Misserfolg ist lediglich eine Gelegenheit mit neuen Ansichten noch einmal anzufangen.« hatte mich seit Beginn meines Studiums begleitet. Mag das Zitat insbesondere auf das Gebiet des Schreibens zutreffen, dass dem Anfänger viel Geduld und Hingabe abverlangt bis erste brauchbare Entwürfe entstehen. Ich erprobte mich im Erarbeiten von Schwungelementen in Kombination mit den Charakteristika des Wechselzuges.

Letztendlich zeichnete ich meine entwickelte Schriftform mit einer sehr dünnen Feder vor, um sie dann mit einem dünnen Pinsel auszuarbeiten.

 

Kalligrafie – meine Suche nach dem eigenen Duktus (Scheitern erlaubt)

Die Skizzen sind Teil des Moduls Typografie des zweiten Semesters. Man kann beobachten, welche Schritte ich bei der Entwicklung meines Duktus, durchlief. Meine ersten Versuche galten den Frakturen und den Initialen. In späteren Skizzen widmete ich mich mehr runden Formen, die ich mit kleinen Punkten oder Details kombinierte, um einen Einklang  zwischen Wort und Gestalt zu erreichen.

Ein erster Durchbruch gelang mir bei dem roten Schriftzug »Akustik«, den ich als Kompromiss zwischen den runden und langgezogenen Formen, erkannte. Es folgten unzähligen Varianten, während ich zur gleichen Zeit auch Bedeutung und Inhalt untersuchte, um zu sehen wie der Begriff an sich in meinem Verständnis auszusehen hatte.

 Kalligraphie 2. Semester
Natalie Kennepohl
»Dieses entbehrlich gewordene Spiegelbild werden Sie jetzt auslöschen, lieber Freund«

Das Magische Theater soll die Höchste aller Disziplinen lehren, die Fähigkeit des distanzierten Humors und somit die »eigene Welt sichtbar machen« (Hermann Hesse, Gesammelte Werke, Band 7, Seite 366). Dieses Magische Theater ist der Kommunikationsträger zwischen dem aktuellen Seelenzustand und der ruhenden, potentiellen Lebensmöglichkeiten. Es soll die Selbstfindung begleiten und zur Billigung und Akzeptanz der eigenen Teilidentitäten führen. Der Humor soll eine Lösungsperspektive aus der alltäglichen Depression und Melancholie sein. Dem neurotischen Menschen wird im Magischen Theater im wahrsten Sinne des Wortes der Spiegel vorgehalten und dadurch mit seinem Unterbewusstsein konfrontiert, um sich letztlich zu allen seinen Teilidentitäten zu bekennen.

Die beabsichtigt bildvolle und poetisierte Sprache Hermann Hesses, wirkt vor allem durch seine häufigen Wiederholungen, Doppelungen und Entgegensetzungen. Deshalb wurde eine Schrift entwickelt, die sich angenehm und harmonisch in das Gesamtbild einfügt, ohne sich dem Inhalt überzuordnen, oder den Leser beziehungsweise den Betrachter abzulenken. Die spiegelverkehrte Schrift greift das viel erwähnte Element des Spiegels auf und schafft somit eine Brücke zum Inhalt.

 

Sütterlin – eine fast vergessene Schrift

Durch Zufall bin ich auf die alte Sütterlin-Schrift gestoßen, die 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums von Ludwig Sütterlin entwickelt wurde. Damals existierten viele verschiedene Schriften. Um eine leichtere Handhabung für die Schulkinder zu gewährleisten, hatte Sütterlin die Ober - und Unterlängen der Buchstaben verkürzt. Die Schrift, die 1915 in Preußen eingeführt wurde, löste die damals übliche deutsche Kurrentschrift ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand die Schrift. Gründe dafür mögen in der zunehmenden Mechanisierung sowie dem »Erlass von Bormann« (1941) liegen, zudem wurde verstärkt die lateinische Schrift an den Schulen gelehrt. [Dr. Dr. Peter Hohn: Sütterlinstube Hamburg e.V, Zugriff am  29.06.2013 unter http://www.suetterlinstube-hamburg.de/alpha.php]

Meine Versuche: Graffiti, Papmaschee und Collage

Weil die einzelnen Buchstaben für mich interessante Formen haben, die im Zusammenhang wieder ganz anders wirken, begann ich mir die Schrift – die heute von fast niemandem mehr gelesen werden kann – anzueignen. Im Wechselzug geschrieben mit Strichstärkenunterschieden wirkte es für mich am eindrucksvollsten. Mein erster Versuch, die Schrift in unserem Zeitalter von Tags und Graffiti ankommen zu lassen, scheiterte kläglich an der Folie, weil die Farbe unter ihr auf dem Brett total zusammenlief und kein einziger Buchstabe mehr zu erkennen war. Also musste eine festere Schablone her.

Allerdings reichte mir das noch nicht aus, ich hoffte durch andere Techniken, aus der Schrift noch mehr Wirkung herauszukitzeln. Dadurch entstanden die weisse Pappmascheetafel, mit dem Wort »Unendlichkeit«, die durch die Licht- und Schattenflächen spannend wirkt und das zweite Brett mit den aufgeklebten Wortfetzen.

Schlussendlich stellte ich fest, dass das, was den Reiz der Schrift ausmacht, die Persönlichkeit ist, die jeder durch den eigenen Duktus in sie hineinlegen kann.

Mia Stevanovic

Eine ausdrucksstarke Kalligrafie legt Mia Stevanovic vor. Ungewöhnlich streng in der klaren Ausrichtung von rechts oben nach links unten, wirkt sie sehr diszipliniert und dabei doch expressiv. Die horizontalen, verwaschenen, in die Gegenrichtung mäandernden Elemente auf der linken Seite kontrastieren stark mit der exakten, präzisen, die Senkrechte betonenden Schrift auf der anderen Seite.

Fläche und Schrift stehen sich in Blau und Schwarz auf getöntem Papier gegenüber, fast wie durch einen Falz getrennt, gegensätzlich und dabei doch harmonisch.

Sebastian Ibler
Kalligrafie – alte Schreibtechnik im Experiment

Sebastian Iblers eindrucksvolle Arbeit, die im 2. Semester Schrift und Typografie entstand, ist ein gutes Beispiel dafür, wie handwerkliches Können gestalterische Kräfte freisetzt und befeuert.

Der traditionellen Fassung mit Pinsel und Farbe stellt Ibler einen inversen Entwurf gegenüber, bei dem er die Schriftzeichen mit einem Maskierungsfilm auftrug, anschließend die gesamte Fläche Schwarz bemalte, um im letzten Schritt das Maskierungsmaterial zu entfernen, so dass der papierene Untergrund wieder hervortrat.