Stehsatz

Stehsatz Magazin 2020 Mediadesign Hochschule München
Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. 
Die Magazin-Ausgabe 2020 ist da!

2020 wird vor allem als eine Zeit der Veränderung, der Irritation, der nie zuvor dagewesenen Erfahrung in Erinnerung bleiben: Es ist das Jahr der weltweiten Covid-19 Pandemie, eine Zeit persönlicher, wirtschaftlicher und kultureller Einschränkungen in (fast) allumfassender Weise. Vorlesungen wurden auf Online-Plattformen gehalten, persönlicher Aus­tausch, Kunst und Kultur durften lange Zeit ausschließlich digital, anschließend nur maskiert stattfinden.

So fand sich unser belebter Seminarraum im April in den virtuellen Raum versetzt – briefmarkengroße Teilnehmervideos, ruckelnde Internetverbindungen, Übertragungsprobleme gehörten fortan zu unserem kreativen Alltag. Nicht selten habe ich in der zurückliegenden Zeit gebangt um die nachhaltige Vermittlung stabiler typografischer und ge­stalterischer Grundlagen, die der Detailgenauigkeit, der intensiven Auseinandersetzung und Selbstreflexion fernab ephemerer Trends bedürfen. Das Semester ist vorbei und ließ aufgrund der Disziplin der Studierenden dennoch interessante, stimmige Projekte entstehen, von denen nun eine Auswahl im Stehsatz #6 vorgestellt wird.

Das Magazin ist in diesem Jahr durch das Engagement und die Hilfe vieler Unterstützer und Unterstützerinnen zustande gekommen – ohne diese Hilfe hätte es die diesmal um ein vielfaches höheren Hürden nicht überwunden. Es gilt den Widerständen mit Widerstand zu begegnen und so obliegt diesem Magazin heuer die zusätzliche Aufgabe, nach dem Rückschlag in allen Lebensbereichen, aus der Tristesse der erzwungenen Isolation, eine Verve zu entfachen, einen Ausblick in die Welt und in Zukünftiges zu vermitteln: Es will darum umso mehr Inspiration, Bühne und Ausblick auf Branchenrelevantes sein.

Interessante Einblicke in die aktuelle Designszene gewähren das Pariser Büro »My Name ist Wendy« sowie »Studio Bruch« aus Graz. Als Themenschwerpunkt haben sich die Studie­renden in diesem Jahr mit aktuellen Tendenzen in der Schriftgestaltung beschäftigt. Die Alumni Daniela Ibler, Lena Maidl, Sophie Schillo und Sandra Tammery berichten von ihrem persönlichen Werdegang und in der Rubrik »Bleisatz und Druck« werden Ergebnisse unserer Münchner Werkstatt präsentiert. Auch in diesem Jahr rundet ein vielfältiger »Showroom«, der Studentenarbeiten aus den Bereichen Editorial Design, Kalligrafie, Typografie und Visualisierung zeigt, das Magazin ab.

Typografie (2. Semester): Celina Hofmann, Michaela Kappes und Katharina Lutz
Buchprojekt »Rockwell« – Eine Schriftanalyse

Das Buchprojekt ist zum Einen eine tiefgreifende Analyse der »Rockwell«, darüberhinaus vermittelt es Hintergrundwissen, etwa zur Geschichte der Serifenbetonten Linear-Antiqua-Schriften, denen die Rockwell zuzuordnen ist, sowie Historisches über den traditionsreichen Schriftenhersteller »Monotype«, wo die Schrift Rockwell von Frank Hinman Pierpont entworfen wurde.

Das Buch sollte in seiner Gestaltung modern anmuten, wir wählten deswegen neben den Grundfarben schwarz (Schriftfarbe) und weiß (Seitenfarbe) den frisch wirkenden Farbton Grün — z. B. für Markierungen, Marginalien, auch für Kapitelanfänge. Transparenzseiten finden gelegentlich im Buch Verwendung und weisen ebenso grüne Zeichen auf.

Die umfangreiche Monotype-Historie, die untrennbar mit der Rockwell verknüpft ist, fassen wir in einem Zeitstrahl zusammen, womit ein schneller Überblick gewährleistet ist. Abbildungen begleiten die Leiste. Wichtig erscheint uns, dass die heute veralteten Druckverfahren und Prozesse der Schriftenentwicklung veranschaulicht werden.

Frank Hinman Pierpont wird in einem eigenen Kapitel gewürdigt, das seinen Werdegang und sein typografisches Wirken behandelt.

Fotos und Text: Celine Hofmann, Michaela Kappes, Katharina Lutz
Typografie (2. Semester): Katharina Lutz

Das systematische, experimentelle Erproben der Anordnung von Schrift, der Wirkweise von Weißräumen und Typen, das Spiel mit Satzformen und ihre Dekomposition sind wesentliche Methoden der typografischen Grundlagengestaltung.

Katharina Lutz hat in ihrer Entwurfsreihe 100 rein typografische Gestaltungen geschaffen, die das jeweiligen Zitat untermauern oder auch konterkarieren. Sie kombiniert dabei geschickt Schriften, spielt mit Positiv- und Negativräumen bis hin zur vollständigen Dekonstruktion von Zeichen und Satzfolgen, kurz: sie spielt recht virtuos auf der Klaviatur der Typografie.

Erscheinungsbild für das Münchner Marionettentheater
Grafische Zeichen (2. Semester): Katharina Lutz

Aufgabe war, den visuellen Auftritt einer Institution aus dem kulturellen Leben Münchens zu gestalten. Die Wahl fiel auf das Münchner Marionettentheater, das sich in einem pittoresken Gebäude in der Nähe des Sendlinger Tores befindet. Es gilt als erster fester Marionettentheaterbau der Welt und zählt im deutschsprachigen Raum zu den renommiertesten Puppentheatern. Seit 2000 hat der Puppenspieler, -bauer und -sprecher Siegfried Böhmke die Intendanz des Hauses inne. Die gespielten Stücke sind vor allem Märchen, Opern, Operetten, sowie Weihnachtsstücke und Klassiker, mit denen sowohl Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene angesprochen werden.

Der Entwurf aus der Feder von Katharina Lutz stellt Kasperl Larifari ins Zentrum der Überlegungen. Ausgehend von der reduzierten Figur entwickelt sie eine abstrakte, moderne grafische Sprache. Die Herangehensweise an das Zeichen basiert auf Geometrisierung der Formen. Durch die Reduktion des Kopfes auf die wesentlichen Bestandteile entsteht eine schlichte Gestalt, die anschließend in geometrische Formen umgewandelt wird. Das entwickelte abstrakte Zeichen ergibt durch die Aufteilung in Einzelformen und mittels Zerlegung und Anpassung der Negativräume interessante Variationen und eine eigenständige Formensprache. Diese Experimente werden als Basis für die gesamte Zeichensprache des Theaters herangezogen.

Durch ihren maskenhaften Charakter passen sie sich spielerisch an die darstellende Kunst eines Theaters an. Dies taucht auch in Anwendungsbeispielen wieder auf. Die beiden harmonischen Hauptfarben Lila (Berry) und Blau unterstreichen einen märchenhaften Flair und auch das Spielerische der Marionetten. Entstanden sind eine Wort- und Bildmarke sowie etliche Anwendungen. Sehenswert!

Typografie (1. Semester): Katharina Lutz
»laut & leise«

Diese Bearbeitung des Themas »laut & leise« ist eine Druckarbeit mit Holzlettern, die sich der harten und weichen Konsonanten des Alphabets bedient. Die harten Konsonanten F, k, P und T gelten als laut und werden ihren leisen Gegenspielern b, d, g und v gegenübergestellt.

Die Darstellung der harten, lauten Konsonanten gelingt durch die Verwendung einer markanten Egyptienneschrift, die durch ihre plakative Wirkung bereits aufmerksamkeitsheischende Eigenschaften aufweist.

Noch markanter wirkt sie durch die Verwendung der CMYK-Farben. Dies sind die Grundfarben des modernen Vierfarbdruckes, sie sind untereinander sehr gegensätzlich und jede für sich ist kräftig, wodurch sie an sich schon deutlich kontrastieren. Durch die stellenweise Überlagerung der Lettern im Druck entstehen interessante Mischfarben, die zusammen mit der Großflächigkeit der großen, fetten Buchstaben eine flächige, kräftige Wirkung entfalten — und somit eine gewisse »Lautstärke«.

Die Anordnung der großen Lettern bewirkt, dass diese mehr als die Hälfte des Formats einnehmen und so das bedruckte Blatt für sich beanspruchen.Sie drängen sich in den Vordergrund.

Im Gegensatz dazu befinden sich die weichen Konsonanten in der toten Ecke, der in der westlichen Lesekultur aufgrund der Leserichtung von links nach rechts wenig Beachtung geschenkt wird. Dies schafft die Grundlage für eine zurückhaltene, leise Wirkung.

Um die leise Gestaltung zu unterstützen, findet für den Druck dieser Konsonanten eine magere Univers der Schriftgröße 12 Verwendung. Die magere Schrift hat einen hellen Grauwert, die unauffällig, schlicht und leise wirkt. Der Gößenkontrast ist ebenfalls von Bedeutung. Es werden ausschließlich Minuskeln verwendet, die grundsätzlich zurückhaltend wirken.

Fotos: Sybille Schmitz
Bachelorarbeit: Katharina Krojer
remember – Eine App für Demenzkranke und ihre Angehörigen.

Mehr als 300.000 Menschen erkranken jedes Jahr an Demenz. Man geht davon aus, dass bis zum Jahr 2050 die Zahlen auf drei Millionen steigt.* Da ich aus meiner eigenen Familie kenne, was »Demenz« tatsächlich bedeutet, möchte ich Menschen, die an Demenz erkranken  und ihren Angehörigen, eine Art Werkzeug geben, das ihnen hilft, all die Schwierigkeiten besser zu überwinden.

Die Arbeit ist inhaltlich  in drei Teile geteilt: Recherche & Analyse, Corporate Design und schließlich das App Design. Daraus sind drei einzelne Bücher entstanden. Recherche & Analyse geht zunächst auf die wissenschaftlichen Fakten zum Thema Demenz ein, um das Thema begreifbarer und verständlicher werden zu lassen. Der zweite Teil der Arbeit Corporate Design beschäftigt sich mit der Gestaltung aller wichtigen Bestandteile – von Typografie bis hin zu den Anwendungen. Der dritte Teil App Design befasst sich mit der App an sich und zeigt die Applikation in ihrer Ganzheit. Das Ziel der Arbeit war es, ein klar reduziertes, kompaktes Interface und ein freundliches Corporate Design zu entwickeln, welches alle Beteiligten sicher durch verschiedenartige Situationen führt und somit eine Entlastung im Alltag sein kann.

Fotos: Katharina Krojer; * www.deutsche-alzheimer.de, 2018