Stehsatz

Queneau-Header
Editorial Design (3. Semester): Christina Blenk, Robin Bruckmeier, Emirhan Celik, Liesa-Johanna Ehrenberg , Marina Emeljanov, Robin Fritzsche, Simon Grässle, Sofia Gronard, Daniela Ibler, Silvia Jarosch, Felix Kastner, Jakob Kreitner, Melanie Kretzschmar, David Lang, Maximilian Roos, Theresa Schwaier, Sandra Tammery, Alessia Verrecchia, Verena Wurmser, Lucas Wurzacher

Raymond Queneau befreit die Sprache von ihrem Hauptzweck, eine Geschichte zu erzählen, er hebt ihre Macht aus den Angeln. In seinen Silübungen zeigt er in über 100 Variationen, wie man eine Geschichte auseinandernehmen und mit verschiedenen Methoden wieder neu zusammenfügen kann. Vergleichbar den Übersetzern dieser Stilübungen übernahmen die Studenten der MD1015 diese Offenheit im Umgang mit Sprache und Form, indem sie verwandte Vorgehensweisen in der Sprache der Typografie in Szene setzten

»RE SIGN«, »SENSATION« und »TDC63« – eine kleine Erfolgsgeschichte

Die Bachelorphase ist eine intensive Zeit – von der Suche nach Inspiration, über selbstkritische (Ver-)Zweifler, ob man wirklich den richtigen Weg geht, bis hin zum Erfolgserlebnis, dass man es endlich geschafft hat. Das wichtigste dabei ist, dass man mit dem was man erreicht hat auch zufrieden ist und sich auch mal selbst auf die Schulter zu klopfen wagt, und sagen kann: »Ich bin stolz auf mich!« – zumindest für den Moment, denn nach einer Weile fallen einem mit Sicherheit viele Dinge auf, die man hätte anders machen können …

Die Bachelorarbeiten »RE SIGN« und »SENSATION« von Kevin Kremer und Miriam Rieger aus dem Jahrgang 2016, stehen inhaltlich und gestalterisch absolut für sich, aber trotzdem verbindet sie viel miteinander.

»RE SIGN«, von Kevin Kremer, zielt darauf ab, durch systematische Dekonstruktion und anschließende Neukombination, die erlernte Darstellungsweise und Erfassbarkeit eines Buchstabens in Frage zu stellen. Es sollen die Grenzbereiche der Wahrnehmung einer Form in Bezug auf deren Erkennbarkeit als Schriftzeichen der abendländischen Schriftkultur erforscht werden. Das Ergebnis dieser visuellen Untersuchung ist eine Reihung an Formzeichen, ausgehend vom bekannten Schriftbild, hin zu einer stark abgeänderten Darstellungsweise.

»SENSATION – Visualisierung synästhetischer Wahrnehmung«, von Miriam Rieger, beschäftigt sich mit einer ganz besonderen Form der Wahrnehmung: Synästhesie. Entgegen der »normalen« Wahrnehmungsprozesse kombiniert das Gehirn hier automatisch Sinne miteinander, die vermeintlich nichts miteinander zu tun haben. So sehen einige Synästheten Buchstaben in bestimmten Farben oder Verbinden Geschmäcker mit geometrischen Formen. In einer experimentellen Versuchsreihe, in Plakatform, wird die Synästhesie als metaphorisches Stilmittel aufgegriffen, mit dem Ziel die Sinne pulsieren zu lassen, den Geist zu aktivieren, um zu einer Versinnlichung der Wahrnehmung zu gelangen.

Beide Arbeiten verbindet ein extrem hoher gestalterischer Anspruch an Ästhetik, inhaltlichem Bezug und nicht zuletzt typographischer Exzellenz.

Auf gut Glück haben wir dann unsere Bachelorarbeiten zum »Type Directors Club« in New York geschickt, mit der Hoffnung eines der begehrten »Certificates of Typographic Excellence« zu ergattern.

Ungeduldig und voller Erwartung erhalten wir nach zwei Monaten tatsächlich beide, relativ zeitgleich, eine Nachricht mit dem Betreff: »CONGRATULATIONS! You’re work has been selected.« – Unsere Freude war riesig! Wir wussten aber, dass die besten drei studentischen Arbeiten unter allen 1.800 Einsendungen eine zusätzliche Auszeichnung erhalten, den »Student Award«… und man weiß ja nie!

Man glaubt es ja kaum, aber wir beide sind doch wirklich auch noch unter den besten drei studentischen Arbeiten gelandet! Kevin, ich, unsere Freunde, Familien und ehemaligen Dozenten waren völlig aus dem Häuschen!

Die endgültige Platzierung ist am 18. Juli in New York beim großen »TDC63 Opening Event« verkündet worden: Platz 3 für Kevin mit »RE SIGN« und Platz 2 für Miriam mit »SENSATION« – Unfassbar!

Freie Schriftarbeit (1. Semester): Hannah-Marie Schimanski

Die Inspiration zu meiner Schriftarbeit fand ich in dem Spiel zwischen Licht und Schatten. Durch das mittige Falzen der geplotteten Papierbuchstaben ergibt sich die Basis der Arbeit. Mittels des senkrechten Aufstellens der oberen Hälfte des Papieres, sowie passender Beleuchtung, ergibt sich die Licht-Schatten-Komposition, welche schlussendlich einen vollständigen Buchstaben zeigt.

Printprojekt (3. Semester): Jakob Kreitner

»Eyes« sind kryptische, oft fragmentartige Gedichte des berühmtberüchtigten Frontmannes der Band »The Doors« Jim Morrison, die jener 1968 wenige Jahre vor seinem frühen Tod im »Eye Magazine« veröffentlichen lies. Das namensgebende Motiv der Augen und des Sehens sind das Thema der 32 Gedichte, wobei darin verschiedenste Einflüsse von Nietzsche und Platon bis William Blake und den Poeten der Beat Generation aufzufinden sind. Viele der Texte sind sehr kurz, gerade deshalb schwer zugänglich und lassen individuelle Interpretationsmöglichkeiten offen, welche mit verschiedensten typografischen Mitteln umgesetzt wurden. Um den rohen Charakter der typographischen Interpretationen zu betonen und nicht in psychedelische 1960er Klischees zu verfallen, wurde auf Farbe dabei komplett verzichtet. Entstanden ist ein 72-seitiger Gedichtband, der einem weniger bekannten Werk Morrisons ein neues Gesicht verleiht.

»Seit es Menschen gibt, können sie sich Wörter und Wortkombinationen merken. […] Niemand kann einen Film, eine Skulptur, ein Gemälde beschreiben. Aber solange es Menschen gibt, können Lieder und Gedichte weiterleben.« – Jim Morrison im »Rolling Stone«-Interview, Juli 1969

Typografie (1. Semester): Katharina Krojer

Bei dieser Aufgabe waren der Buchstabe A und das einfache Prinzip der Verdichtung die einzigen Elemente, mit denen gearbeitet wurde. Der erste Buchstabe hält sich noch weitgehend zurück. Jedes weitere hinzugefügte A nimmt ein Stück Weißraum weg, bis es zu einer schwarzen, schreienden Fläche wird. Auf diese Art sind zwei Leporellos entstanden. Bei dem einen Leporello verdichtet sich das A aus der Mitte heraus. In der zweiten Umsetzung verdichtet sich der Buchstabe innerhalb einer Reihung.

Projekt Bleisatz in Garching: Janina Engel, Elisabeth Koster, Dorothée Martin, Minh Nguyen, Nico Janson, Elena Traurig
Die Story von Pronto Soccorso und Beauty Case

Es war der 10 Februar 2017 und 6 StudentInnen begaben sich auf die Fahrt nach Dirnismaning unweit von Garching, zur schriftenreichen Bleisatzwerkstatt »officin albis« von Werner Hiebel. Dort angekommen wurden sie mit offenen, freundlichen Armen von Herrn Hiebel und Herrn Gericke empfangen und umgehend in die Kunst des Bleisatzes eingeführt.  Gesetzt wurde eine leicht gekürzte Fassung der Kurzgeschichte »Die Story von Pronto Soccorso und Beauty Case« von Stafano Benni. Jeder Studierende bekam eine Passage der Geschichte, die mit der Times New Roman in Brotschriftgröße gesetzt wurde.

Die ersten Anläufe fielen jedem der Teilnehmer doch etwas schwer, bis man mit der Zeit und mit geduldiger Anleitung schließlich das Gefühl für die Bleisatztechnik entwickelt hatte. Werner Hiebel und Peter Gericke nahmen sich sehr viel Zeit, keine Frage blieb unbeantwortet und sie erzählten dabei viel über ihre persönlichen Erfahrungen mit und ihren Weg zur Typografie. Der Workshop fand über mehrere Wochen statt, somit fand sich auch für die Gestaltung des Büchleins genug Raum.Die Kurzgeschichte wurde mit ausgewählten Worten jeder Textpassage in einem Überdruck in roter Farbe in der Braggadocio 278 gestaltet.

Als Abschluss hatte Herr Hiebel ein trefflich passendes Titelblatt gedruckt. Das fertige, wirklich ansehnliche Produkt wurde bei der Wiedereröffnung der Buchdruckwerkstatt präsentiert, jede Teilnehmerin, jedem Teilnehmer dabei ein Exemplar überreicht. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Herrn Gericke und Herrn Hiebel für die erfreuliche und interessante Erfahrung im Bleisatz.

Fotos: Nico Janson
Auf der Suche nach dem Glück
Bachelorarbeit: Natalie Krönauer

Jeder Mensch ringt sein ganzes Leben damit glücklich zu sein, sei es in der Beziehung, im Beruf oder in der Freizeit. Glück ist subjektiv, denn für jeden hat es eine andere Bedeutung. Im Rahmen meiner Bachelorarbeit wurden 70 Menschen über das Thema Glück befragt, dabei wurden unter anderem spezifische Glückswörter, Glücksmomente und Glücksorte definiert.

Durch die unterschiedlichen Ansichten über Glück wurde die Diversität des Themas deutlich. Die Serie von lachenden Menschen lässt dem Betrachter viel Interpretationsspielraum. In manchen Gesichtern ist nicht nur das »fröhliche Lachen« erkennbar, es zeigen sich diverse andere Facetten.

O’druckt is!
Wiedereröffnung der Handsatz-Werkstatt in München

Am 11. Mai 2017 konnten wir unsere sehnsüchtig erwartete Wiedereröffnung der Handsatz-Werkstatt an der Mediadesign Hochschule München begehen. Nach mehreren Monaten umbaubedingter Pause werden wir nun den Betrieb wieder aufnehmen. Anlass genug, dies bei einem Gläschen Wein gemeinsam mit Studierenden, Mitarbeitern und der Leitung der MD.H zu feiern. Die Veranstaltung mit dem launigen Titel »O’druckt is!« gab den Anwesenden die Möglichkeit, vorgedruckte Plakate mit dem eigenen Namen, unter Anleitung auch selbst gesetzt, an einer Druckmaschine als Erinnerungs- und Anschauungsstück zu drucken.

Im Vorfeld hat ein freiwilliges studentisches Team aus dem Fachbereich Media Design diese farbenfrohen Plakate ersonnen, gesetzt und mit Handwalze auf der »Nudel« oder in der FAG im Irisdruck vorbereitet.

Die Werkstatt eröffnete am 11. November 2010. Seither ist die Zahl der Maschinen stetig gewachsen, ebenso Qualität und Wissen. Es wurden über die Jahre zahlreiche Leseproben, Plakate, Karten, Schriftmuster und mehrere Leporellos gestaltet, gesetzt und gedruckt. Nicht selten mag hier dem ein oder anderen aufgefallen sein, dass Setzen und auch Drucken mit Hingabe gelernt sein muss, Muße und Geduld sowohl fordert als auch fördert. Initialen und Monogramme wurden hier gezeichnet, erarbeitet und von Meisterhand überarbeitet, klischiert und schlussendlich gedruckt. Die »Digital Natives« wurden und werden von Experten gesetzten Alters in dieser alten Kunst eingewiesen, angeleitet, gelobt, manchmal auch sanft getadelt, aber stets von der Begeisterung der erfahrenen Meister mitgerissen. Zu sehen, dass junge Studierende mit einer Technik, die in weiten Bereichen vom Digitalen ersetzt wurde, inspirierende Erfahrungen machen und horizonterweiternde Handarbeit mit greifbarem Ergebnis erleben, ist stets aufs Neue vergnüglich.

Dank gilt dem studentischen Team Dani, Dorothée, Lucas, Marina, Max, Minh, Nico, Sofia, Simon und Theresa, sowie unserem Meister Peter Gericke, der tatkräftig half, und nicht zuletzt auch den Förderern in der Hochschule.

Fotos: Jan-Marc Zublasing, Nico Janson, Lucas Wurzacher
Adrian Frutigers Avenir. Eine Schriftanalyse
Schriftanalyse 2. Semester: Birte Welte

Erschienen im Jahr 1988, entstand die Avenir des Schweizer Schriftschneiders Adrian Frutiger (1928 –1915) in einer Zeit, als aus dem Westen der USA die Bewegung der »New Wave« nach Europa kam. Diese wandte sich gegen die ästhetische Erscheinung der Schweizer Grafik, die aufgrund ihrer Kontraste zunehmend als zu hart empfunden wurde. Diese magere Schrift wurde als »clean« wahrgenommen. Die Schriften, die im Zuge der »New Wave« also Bedeutung erlangten, zeichneten sich durch ihre Zartheit und Eleganz aus.  Die Avenir von Frutiger entsprach für den Schriftschneider selbst der »Neuen Sachlichkeit« der 30er-Jahre (vgl. Frutiger, Adrian: Ein Leben für die Schrift. Interlaken: Verlag Schlaefli & Maurer AG 2003. S. 95.). Im zeitlichen Kontext der Avenir ging der Trend hin zu weicheren Übergängen und Abstufungen. In diesem Sinne setzte Frutiger sehr feine Zwischenschnitte ein, im Gegensatz zu den üblichen Schriftschnitten mager und fett. So entstand eine Schrift mit feinen Abstufungen der Schriftschnitte. Es handelt sich um eine geometrisch konstruierte Grotesk mit humanem Charakter und zudem um eine der genauesten Schriften, die Frutiger entworfen hat (vgl. Osterer, Heidrun; Stamm, Philipp (Hrsg.): Adrian Frutiger. Schriften. Das Gesamtwerk. Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser Verlag AG 2009. S. 330.).

Das hier gezeigte Buch ist Teil eines Gesamtbuches zu Adrian Frutigers Leben und seinen Schriften, das sich mit der Schriftanalyse der Avenir befasst. Beginnend mit der Entstehungsgeschichte der Avenir, wird die Schrift zum einem in ihrem zeitlichen Entstehungskontext analysiert. Zum anderen werden die Charakteristika ihrer Erscheinung untersucht, die Analyse einzelner Buchstaben vorgenommen sowie ihre Eigenschaften im Vergleich zur Futura und zur Kabel herausgestellt.

Das Buch stellt die Schriftanalyse an sich mehr durch grafische Elemente als durch den Text  dar, der nur begleitend gedacht ist. Im Vordergrund steht die Gestaltung der Analyse durch einen kreativen und mutigen Umgang mit der Schrift an sich sowie durch die Herausstellung wichtiger Merkmale der Avenir mit grafischen Stilmitteln. Den roten Gestaltungsfaden des Buches bildet die Farbe Orange, die zum einen als Markierung markanter Stellen im Text und so als gestalterischer Eyecatcher eingesetzt wird, zum anderen auch als Auszeichnung der grafischen Elemente dient. So wird ein optisches Bindeglied zwischen textlicher und grafischer Gestaltung hergestellt.

Fotos: Mario Beitzel
Freie Schriftarbeit 1. Semester: Peter Eisner

Plakative Farbkontraste und reduzierte Grundformen kennzeichnen die handwerkliche Annäherung Peter Eisners an das Thema Schriftgestaltung. Er reduzierte dabei markante Buchstaben wie O, C, A, B um ihre Innenräume, um so den Fokus des Betrachters auf die Gesamtform zu lenken. Das Spiel zwischen den Farben Schwarz und Rot verhilft dem Alphabet zu seiner expressiven Anmutung.

Die eindrückliche Wirkung auf den Betrachter erinnert an die Ästhetik der 1920er Jahre Avantgarde, und wirkt dennoch nicht zuletzt durch die Dreidimensionalität evozierenden Farbverläufe, die an moderne digitale Optik anknüpfen, aktuell und gleichzeitig entrückt.