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Die freie Schriftarbeit
Typografie (1. Semester): Janina Engel

»Nichts ist inspirierender als ein weißes Blatt Papier. Es hat die Chance etwas Einzigartiges zu kreieren.« Bartle Bogle Hegarty (BBH)

Das Ziel dieser Arbeit war es, durch einfache Verbindungen die Charaktere der Buchstaben unterschiedlich zu verändern. Durch die Kombination mehrerer Punkte mit Linien entstand eine Art Fächerlegung, die den Buchstaben eine kraftvolle Wirkung gab. Inspiriert von den Arbeiten von Jérôme Corgier, der aus unterschiedlichsten Materialen erstaunliche 3D Buchstaben baut, entschied ich mich diese Fächerlegung an den Formen der 26 Grundzeichen des Alphabetes zu erproben.

Aus meiner Versuchsreihe entstand ein dynamisches Gesamtbild, in dem jeder Buchstabe eine interessante und erhobene Haptik bekam. Durch unterschiedliche Anwendung dieser Fächerlegung hat jeder Buchstabe des Alphabets eine einzigartige Gestalt angenommen.

»RE SIGN«, »SENSATION« und »TDC63« – eine kleine Erfolgsgeschichte

Die Bachelorphase ist eine intensive Zeit – von der Suche nach Inspiration, über selbstkritische (Ver-)Zweifler, ob man wirklich den richtigen Weg geht, bis hin zum Erfolgserlebnis, dass man es endlich geschafft hat. Das wichtigste dabei ist, dass man mit dem was man erreicht hat auch zufrieden ist und sich auch mal selbst auf die Schulter zu klopfen wagt, und sagen kann: »Ich bin stolz auf mich!« – zumindest für den Moment, denn nach einer Weile fallen einem mit Sicherheit viele Dinge auf, die man hätte anders machen können …

Die Bachelorarbeiten »RE SIGN« und »SENSATION« von Kevin Kremer und Miriam Rieger aus dem Jahrgang 2016, stehen inhaltlich und gestalterisch absolut für sich, aber trotzdem verbindet sie viel miteinander.

»RE SIGN«, von Kevin Kremer, zielt darauf ab, durch systematische Dekonstruktion und anschließende Neukombination, die erlernte Darstellungsweise und Erfassbarkeit eines Buchstabens in Frage zu stellen. Es sollen die Grenzbereiche der Wahrnehmung einer Form in Bezug auf deren Erkennbarkeit als Schriftzeichen der abendländischen Schriftkultur erforscht werden. Das Ergebnis dieser visuellen Untersuchung ist eine Reihung an Formzeichen, ausgehend vom bekannten Schriftbild, hin zu einer stark abgeänderten Darstellungsweise.

»SENSATION – Visualisierung synästhetischer Wahrnehmung«, von Miriam Rieger, beschäftigt sich mit einer ganz besonderen Form der Wahrnehmung: Synästhesie. Entgegen der »normalen« Wahrnehmungsprozesse kombiniert das Gehirn hier automatisch Sinne miteinander, die vermeintlich nichts miteinander zu tun haben. So sehen einige Synästheten Buchstaben in bestimmten Farben oder Verbinden Geschmäcker mit geometrischen Formen. In einer experimentellen Versuchsreihe, in Plakatform, wird die Synästhesie als metaphorisches Stilmittel aufgegriffen, mit dem Ziel die Sinne pulsieren zu lassen, den Geist zu aktivieren, um zu einer Versinnlichung der Wahrnehmung zu gelangen.

Beide Arbeiten verbindet ein extrem hoher gestalterischer Anspruch an Ästhetik, inhaltlichem Bezug und nicht zuletzt typographischer Exzellenz.

Auf gut Glück haben wir dann unsere Bachelorarbeiten zum »Type Directors Club« in New York geschickt, mit der Hoffnung eines der begehrten »Certificates of Typographic Excellence« zu ergattern.

Ungeduldig und voller Erwartung erhalten wir nach zwei Monaten tatsächlich beide, relativ zeitgleich, eine Nachricht mit dem Betreff: »CONGRATULATIONS! You’re work has been selected.« – Unsere Freude war riesig! Wir wussten aber, dass die besten drei studentischen Arbeiten unter allen 1.800 Einsendungen eine zusätzliche Auszeichnung erhalten, den »Student Award«… und man weiß ja nie!

Man glaubt es ja kaum, aber wir beide sind doch wirklich auch noch unter den besten drei studentischen Arbeiten gelandet! Kevin, ich, unsere Freunde, Familien und ehemaligen Dozenten waren völlig aus dem Häuschen!

Die endgültige Platzierung ist am 18. Juli in New York beim großen »TDC63 Opening Event« verkündet worden: Platz 3 für Kevin mit »RE SIGN« und Platz 2 für Miriam mit »SENSATION« – Unfassbar!

Musikvisualisierung 1. Semester: Nico Janson

Musik kann, womöglich besser als jede andere Kunst, jede andere Wahrnehmung, Gefühlsregungen evozieren. Stimmungen wie Harmonie, Glückseligkeit, Nostalgie, innere Anregung, auch Aufregung, Spannung, Aufwallung oder Assoziationen können durch Musik losgelöst werden – jedoch durchaus individuell. Die folgenden Fotoserien zeigen die Reaktionen von mehreren Personen unterschiedlichen Alters beim Hören des Streichquartettes von Dvořák. Die Probanden wurden dabei angewiesen, sich zur Gänze auf das Wesen der Musik zu konzentrieren. Etwa nach einer Minute fingen alle an sich auf die Musik einzulassen und zeigten dabei deutlich unterschiedliche Gefühlsregungen. Das Spektrum erstreckte sich dabei vom Gefühl der Freude, der Irritation bis hin zu bloßer Müdigkeit.

Editorial Design (3. Semester): Sofia Gronard, Lucas Wurzacher

Dieses Buch ist ein Versuch, eine Verbindung zwischen der sozialen Beschleunigung des modernen Lebens und des durch die Natur gegebenen Resonanzfeldes zu schaffen. Hierzu wurden Texte des Soziologen Hartmut Rosa aus dem Buch »Beschleunigung und Entfremdung« entnommen und in typografische Textstrukturen gewandelt, die in Nachbarschaft der Gletscherbilder für eine mögliche und sehr nachhaltige Resonanzerfahrung stehen.

Printprojekt (3. Semester): Jakob Kreitner

»Eyes« sind kryptische, oft fragmentartige Gedichte des berühmtberüchtigten Frontmannes der Band »The Doors« Jim Morrison, die jener 1968 wenige Jahre vor seinem frühen Tod im »Eye Magazine« veröffentlichen lies. Das namensgebende Motiv der Augen und des Sehens sind das Thema der 32 Gedichte, wobei darin verschiedenste Einflüsse von Nietzsche und Platon bis William Blake und den Poeten der Beat Generation aufzufinden sind. Viele der Texte sind sehr kurz, gerade deshalb schwer zugänglich und lassen individuelle Interpretationsmöglichkeiten offen, welche mit verschiedensten typografischen Mitteln umgesetzt wurden. Um den rohen Charakter der typographischen Interpretationen zu betonen und nicht in psychedelische 1960er Klischees zu verfallen, wurde auf Farbe dabei komplett verzichtet. Entstanden ist ein 72-seitiger Gedichtband, der einem weniger bekannten Werk Morrisons ein neues Gesicht verleiht.

»Seit es Menschen gibt, können sie sich Wörter und Wortkombinationen merken. […] Niemand kann einen Film, eine Skulptur, ein Gemälde beschreiben. Aber solange es Menschen gibt, können Lieder und Gedichte weiterleben.« – Jim Morrison im »Rolling Stone«-Interview, Juli 1969

Musikvisualiserung (1. Semester): Jan-Marc Zublasing

Ich habe versucht, die Rhythmik und Dynamik des Amerikanischen »Streichquartetts« von Dvořák mittels Langzeitbelichtung  fotografisch einzufangen. Dazu wurden die einzelnen Instrumente mit Sternenwerfern in den dunklen Nachthimmel gezeichnet. Die Bewegungen wurden frei und intuitiv entwickelt und stehen jeweils für eines der vier Streichinstrumente.

Auf der Suche nach dem Glück
Bachelorarbeit: Natalie Krönauer

Jeder Mensch ringt sein ganzes Leben damit glücklich zu sein, sei es in der Beziehung, im Beruf oder in der Freizeit. Glück ist subjektiv, denn für jeden hat es eine andere Bedeutung. Im Rahmen meiner Bachelorarbeit wurden 70 Menschen über das Thema Glück befragt, dabei wurden unter anderem spezifische Glückswörter, Glücksmomente und Glücksorte definiert.

Durch die unterschiedlichen Ansichten über Glück wurde die Diversität des Themas deutlich. Die Serie von lachenden Menschen lässt dem Betrachter viel Interpretationsspielraum. In manchen Gesichtern ist nicht nur das »fröhliche Lachen« erkennbar, es zeigen sich diverse andere Facetten.

Magazinanalyse
Editorial Design (3. Semester): Marina Emeljanov, Sofia Gronard

Achtung – das selbstbewusste Magazin aus Berlin mit 2 Heften pro Jahr und mit ebenso anspruchsvollen digitalen Berichten genießt internationales Ansehen. Seit 2003 funktioniert es, ohne die üblichen Pseudo-Kunstthemen, nur der Mode gewidmet. In konzentrierter beAchtung vieler Heftdetails und mit Sinn für diese Gestaltungswelt haben sich die beiden Studentinnen auf dieses eigenwillige Nischenmagazin eingelassen, das mit seinen außergewöhnlichen, aus lokalen Kontexten entwickelten Foto-Geschichten trotz deutscher Herkunft und kleiner Auflage von New York bis Moskau Ansehen findet.

Camouflage und ihr Einsatz in der Stadtarchitektur
Bachelorarbeit: Benedikt Lämmel

Schon immer ist es Lebewesen ein Bedürfnis oder eine Lebensgrundlage sich zu tarnen, andere zu täuschen, sich zu verstecken oder einfach nur zu verwirren, um eigenes Leben zu sichern, Vorteile daraus zu ziehen, sich nicht zu offenbaren und für Schutz zu sorgen.

Was bedeutet Tarnung eigentlich? Meist denkt man spontan an das Muster von Tieren in der Natur, die durch Veränderung ihres Erscheinungsbildes nur mit Mühe erkannt werden. Im militärischen Bereich spricht man von Tarnen und Täuschen und meint damit das Benutzen von Tarnkleidung, Tarnmustern oder auch das Bedecken und Bemalen von militärischen Objekten wie Panzern oder Schiffen. Das Wort Camouflage (franz: Irreführung, Täuschung) wird hier oft entsprechend verwendet.

Camouflagetechniken können auch im Bereich der Kunst und Architektur zur Veränderung von Oberflächen verwendet werden, sie dienen zur Hinführung des Blickes auf ein Objekt oder zur Irritation des Betrachters. Tarnen und Täuschen basiert hauptsächlich auf die Beeinflussung der Wahrnehmung. Das geschieht in jedem Bereich durch Muster, die gekonnt entwickelt und eingesetzt werden. Wie lässt sich das Thema Camouflage auf die heutige Zeit übertragen und wie und wo kann es zum Beispiel in der Stadtgestaltung eine Rolle spielen? Diese Arbeit beschäftigt sich genau mit dieser Frage, zeigt Rückblicke auf die Entwicklung der Camouflagetechniken und wird experimentelle Ausblicke in mögliche Stadt- und Fassadengestaltung wagen. Die Stadt wird zur Kunstbühne!

Adrian Frutigers Avenir. Eine Schriftanalyse
Schriftanalyse 2. Semester: Birte Welte

Erschienen im Jahr 1988, entstand die Avenir des Schweizer Schriftschneiders Adrian Frutiger (1928 –1915) in einer Zeit, als aus dem Westen der USA die Bewegung der »New Wave« nach Europa kam. Diese wandte sich gegen die ästhetische Erscheinung der Schweizer Grafik, die aufgrund ihrer Kontraste zunehmend als zu hart empfunden wurde. Diese magere Schrift wurde als »clean« wahrgenommen. Die Schriften, die im Zuge der »New Wave« also Bedeutung erlangten, zeichneten sich durch ihre Zartheit und Eleganz aus.  Die Avenir von Frutiger entsprach für den Schriftschneider selbst der »Neuen Sachlichkeit« der 30er-Jahre (vgl. Frutiger, Adrian: Ein Leben für die Schrift. Interlaken: Verlag Schlaefli & Maurer AG 2003. S. 95.). Im zeitlichen Kontext der Avenir ging der Trend hin zu weicheren Übergängen und Abstufungen. In diesem Sinne setzte Frutiger sehr feine Zwischenschnitte ein, im Gegensatz zu den üblichen Schriftschnitten mager und fett. So entstand eine Schrift mit feinen Abstufungen der Schriftschnitte. Es handelt sich um eine geometrisch konstruierte Grotesk mit humanem Charakter und zudem um eine der genauesten Schriften, die Frutiger entworfen hat (vgl. Osterer, Heidrun; Stamm, Philipp (Hrsg.): Adrian Frutiger. Schriften. Das Gesamtwerk. Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser Verlag AG 2009. S. 330.).

Das hier gezeigte Buch ist Teil eines Gesamtbuches zu Adrian Frutigers Leben und seinen Schriften, das sich mit der Schriftanalyse der Avenir befasst. Beginnend mit der Entstehungsgeschichte der Avenir, wird die Schrift zum einem in ihrem zeitlichen Entstehungskontext analysiert. Zum anderen werden die Charakteristika ihrer Erscheinung untersucht, die Analyse einzelner Buchstaben vorgenommen sowie ihre Eigenschaften im Vergleich zur Futura und zur Kabel herausgestellt.

Das Buch stellt die Schriftanalyse an sich mehr durch grafische Elemente als durch den Text  dar, der nur begleitend gedacht ist. Im Vordergrund steht die Gestaltung der Analyse durch einen kreativen und mutigen Umgang mit der Schrift an sich sowie durch die Herausstellung wichtiger Merkmale der Avenir mit grafischen Stilmitteln. Den roten Gestaltungsfaden des Buches bildet die Farbe Orange, die zum einen als Markierung markanter Stellen im Text und so als gestalterischer Eyecatcher eingesetzt wird, zum anderen auch als Auszeichnung der grafischen Elemente dient. So wird ein optisches Bindeglied zwischen textlicher und grafischer Gestaltung hergestellt.

Fotos: Mario Beitzel