Stehsatz

Queneau-Header
Editorial Design (3. Semester): Christina Blenk, Robin Bruckmeier, Emirhan Celik, Liesa-Johanna Ehrenberg , Marina Emeljanov, Robin Fritzsche, Simon Grässle, Sofia Gronard, Daniela Ibler, Silvia Jarosch, Felix Kastner, Jakob Kreitner, Melanie Kretzschmar, David Lang, Maximilian Roos, Theresa Schwaier, Sandra Tammery, Alessia Verrecchia, Verena Wurmser, Lucas Wurzacher

Raymond Queneau befreit die Sprache von ihrem Hauptzweck, eine Geschichte zu erzählen, er hebt ihre Macht aus den Angeln. In seinen Silübungen zeigt er in über 100 Variationen, wie man eine Geschichte auseinandernehmen und mit verschiedenen Methoden wieder neu zusammenfügen kann. Vergleichbar den Übersetzern dieser Stilübungen übernahmen die Studenten der MD1015 diese Offenheit im Umgang mit Sprache und Form, indem sie verwandte Vorgehensweisen in der Sprache der Typografie in Szene setzten

Die freie Schriftarbeit
Typografie (1. Semester): Janina Engel

»Nichts ist inspirierender als ein weißes Blatt Papier. Es hat die Chance etwas Einzigartiges zu kreieren.« Bartle Bogle Hegarty (BBH)

Das Ziel dieser Arbeit war es, durch einfache Verbindungen die Charaktere der Buchstaben unterschiedlich zu verändern. Durch die Kombination mehrerer Punkte mit Linien entstand eine Art Fächerlegung, die den Buchstaben eine kraftvolle Wirkung gab. Inspiriert von den Arbeiten von Jérôme Corgier, der aus unterschiedlichsten Materialen erstaunliche 3D Buchstaben baut, entschied ich mich diese Fächerlegung an den Formen der 26 Grundzeichen des Alphabetes zu erproben.

Aus meiner Versuchsreihe entstand ein dynamisches Gesamtbild, in dem jeder Buchstabe eine interessante und erhobene Haptik bekam. Durch unterschiedliche Anwendung dieser Fächerlegung hat jeder Buchstabe des Alphabets eine einzigartige Gestalt angenommen.

»RE SIGN«, »SENSATION« und »TDC63« – eine kleine Erfolgsgeschichte

Die Bachelorphase ist eine intensive Zeit – von der Suche nach Inspiration, über selbstkritische (Ver-)Zweifler, ob man wirklich den richtigen Weg geht, bis hin zum Erfolgserlebnis, dass man es endlich geschafft hat. Das wichtigste dabei ist, dass man mit dem was man erreicht hat auch zufrieden ist und sich auch mal selbst auf die Schulter zu klopfen wagt, und sagen kann: »Ich bin stolz auf mich!« – zumindest für den Moment, denn nach einer Weile fallen einem mit Sicherheit viele Dinge auf, die man hätte anders machen können …

Die Bachelorarbeiten »RE SIGN« und »SENSATION« von Kevin Kremer und Miriam Rieger aus dem Jahrgang 2016, stehen inhaltlich und gestalterisch absolut für sich, aber trotzdem verbindet sie viel miteinander.

»RE SIGN«, von Kevin Kremer, zielt darauf ab, durch systematische Dekonstruktion und anschließende Neukombination, die erlernte Darstellungsweise und Erfassbarkeit eines Buchstabens in Frage zu stellen. Es sollen die Grenzbereiche der Wahrnehmung einer Form in Bezug auf deren Erkennbarkeit als Schriftzeichen der abendländischen Schriftkultur erforscht werden. Das Ergebnis dieser visuellen Untersuchung ist eine Reihung an Formzeichen, ausgehend vom bekannten Schriftbild, hin zu einer stark abgeänderten Darstellungsweise.

»SENSATION – Visualisierung synästhetischer Wahrnehmung«, von Miriam Rieger, beschäftigt sich mit einer ganz besonderen Form der Wahrnehmung: Synästhesie. Entgegen der »normalen« Wahrnehmungsprozesse kombiniert das Gehirn hier automatisch Sinne miteinander, die vermeintlich nichts miteinander zu tun haben. So sehen einige Synästheten Buchstaben in bestimmten Farben oder Verbinden Geschmäcker mit geometrischen Formen. In einer experimentellen Versuchsreihe, in Plakatform, wird die Synästhesie als metaphorisches Stilmittel aufgegriffen, mit dem Ziel die Sinne pulsieren zu lassen, den Geist zu aktivieren, um zu einer Versinnlichung der Wahrnehmung zu gelangen.

Beide Arbeiten verbindet ein extrem hoher gestalterischer Anspruch an Ästhetik, inhaltlichem Bezug und nicht zuletzt typographischer Exzellenz.

Auf gut Glück haben wir dann unsere Bachelorarbeiten zum »Type Directors Club« in New York geschickt, mit der Hoffnung eines der begehrten »Certificates of Typographic Excellence« zu ergattern.

Ungeduldig und voller Erwartung erhalten wir nach zwei Monaten tatsächlich beide, relativ zeitgleich, eine Nachricht mit dem Betreff: »CONGRATULATIONS! You’re work has been selected.« – Unsere Freude war riesig! Wir wussten aber, dass die besten drei studentischen Arbeiten unter allen 1.800 Einsendungen eine zusätzliche Auszeichnung erhalten, den »Student Award«… und man weiß ja nie!

Man glaubt es ja kaum, aber wir beide sind doch wirklich auch noch unter den besten drei studentischen Arbeiten gelandet! Kevin, ich, unsere Freunde, Familien und ehemaligen Dozenten waren völlig aus dem Häuschen!

Die endgültige Platzierung ist am 18. Juli in New York beim großen »TDC63 Opening Event« verkündet worden: Platz 3 für Kevin mit »RE SIGN« und Platz 2 für Miriam mit »SENSATION« – Unfassbar!

Bleisatz 3 – Initialen entwickeln

»AD« steht nicht nur für »Artdirector« oder »außer Dienst«, es sind die Initialen eines der bedeutendsten Künstler der Renaissance: Albrecht Dürer. Eine Initiale ist mehr als ausgeschmückter Anfangsbuchstabe, der früher in handgeschriebenen Texten den Anfang eines Kapitels oder eines Abschnittes markierte. Richtig gemacht sind sie Markenzeichen, Logo und Unterschrift in Einem. Ob als Einzelzeichen oder kombiniert zu einem Monogramm, können sie mehr als reine Zierde sein und mit starker Aussagekraft und Symbolwirkung ausgestattet werden.

In seinem Initialenkurs lässt Schriftlithograf Peter Gericke deshalb in Manier der Altmeister wie F. H. Ernst Schneidler die Studierenden vor allem frei arbeiten. Durch viel Probieren und zahlreiche immer wieder verworfene Ideen, finden sie so ihre eigene Ausdrucksform und bekommen dann immer wieder nützliche Hinweise: »Dreh den Gegenraum ins Schwarze und arbeite das Zeichen, dann im Weißraum heraus!«

Musikvisualisierung 1. Semester: Nico Janson

Musik kann, womöglich besser als jede andere Kunst, jede andere Wahrnehmung, Gefühlsregungen evozieren. Stimmungen wie Harmonie, Glückseligkeit, Nostalgie, innere Anregung, auch Aufregung, Spannung, Aufwallung oder Assoziationen können durch Musik losgelöst werden – jedoch durchaus individuell. Die folgenden Fotoserien zeigen die Reaktionen von mehreren Personen unterschiedlichen Alters beim Hören des Streichquartettes von Dvořák. Die Probanden wurden dabei angewiesen, sich zur Gänze auf das Wesen der Musik zu konzentrieren. Etwa nach einer Minute fingen alle an sich auf die Musik einzulassen und zeigten dabei deutlich unterschiedliche Gefühlsregungen. Das Spektrum erstreckte sich dabei vom Gefühl der Freude, der Irritation bis hin zu bloßer Müdigkeit.

Editorial Design (3. Semester): Sofia Gronard, Lucas Wurzacher

Dieses Buch ist ein Versuch, eine Verbindung zwischen der sozialen Beschleunigung des modernen Lebens und des durch die Natur gegebenen Resonanzfeldes zu schaffen. Hierzu wurden Texte des Soziologen Hartmut Rosa aus dem Buch »Beschleunigung und Entfremdung« entnommen und in typografische Textstrukturen gewandelt, die in Nachbarschaft der Gletscherbilder für eine mögliche und sehr nachhaltige Resonanzerfahrung stehen.

Printprojekt (3. Semester): Jakob Kreitner

»Eyes« sind kryptische, oft fragmentartige Gedichte des berühmtberüchtigten Frontmannes der Band »The Doors« Jim Morrison, die jener 1968 wenige Jahre vor seinem frühen Tod im »Eye Magazine« veröffentlichen lies. Das namensgebende Motiv der Augen und des Sehens sind das Thema der 32 Gedichte, wobei darin verschiedenste Einflüsse von Nietzsche und Platon bis William Blake und den Poeten der Beat Generation aufzufinden sind. Viele der Texte sind sehr kurz, gerade deshalb schwer zugänglich und lassen individuelle Interpretationsmöglichkeiten offen, welche mit verschiedensten typografischen Mitteln umgesetzt wurden. Um den rohen Charakter der typographischen Interpretationen zu betonen und nicht in psychedelische 1960er Klischees zu verfallen, wurde auf Farbe dabei komplett verzichtet. Entstanden ist ein 72-seitiger Gedichtband, der einem weniger bekannten Werk Morrisons ein neues Gesicht verleiht.

»Seit es Menschen gibt, können sie sich Wörter und Wortkombinationen merken. […] Niemand kann einen Film, eine Skulptur, ein Gemälde beschreiben. Aber solange es Menschen gibt, können Lieder und Gedichte weiterleben.« – Jim Morrison im »Rolling Stone«-Interview, Juli 1969

Typografie (1. Semester): Katharina Krojer

Bei dieser Aufgabe waren der Buchstabe A und das einfache Prinzip der Verdichtung die einzigen Elemente, mit denen gearbeitet wurde. Der erste Buchstabe hält sich noch weitgehend zurück. Jedes weitere hinzugefügte A nimmt ein Stück Weißraum weg, bis es zu einer schwarzen, schreienden Fläche wird. Auf diese Art sind zwei Leporellos entstanden. Bei dem einen Leporello verdichtet sich das A aus der Mitte heraus. In der zweiten Umsetzung verdichtet sich der Buchstabe innerhalb einer Reihung.

Auf der Suche nach dem Glück
Bachelorarbeit: Natalie Krönauer

Jeder Mensch ringt sein ganzes Leben damit glücklich zu sein, sei es in der Beziehung, im Beruf oder in der Freizeit. Glück ist subjektiv, denn für jeden hat es eine andere Bedeutung. Im Rahmen meiner Bachelorarbeit wurden 70 Menschen über das Thema Glück befragt, dabei wurden unter anderem spezifische Glückswörter, Glücksmomente und Glücksorte definiert.

Durch die unterschiedlichen Ansichten über Glück wurde die Diversität des Themas deutlich. Die Serie von lachenden Menschen lässt dem Betrachter viel Interpretationsspielraum. In manchen Gesichtern ist nicht nur das »fröhliche Lachen« erkennbar, es zeigen sich diverse andere Facetten.

O’druckt is!
Wiedereröffnung der Handsatz-Werkstatt in München

Am 11. Mai 2017 konnten wir unsere sehnsüchtig erwartete Wiedereröffnung der Handsatz-Werkstatt an der Mediadesign Hochschule München begehen. Nach mehreren Monaten umbaubedingter Pause werden wir nun den Betrieb wieder aufnehmen. Anlass genug, dies bei einem Gläschen Wein gemeinsam mit Studierenden, Mitarbeitern und der Leitung der MD.H zu feiern. Die Veranstaltung mit dem launigen Titel »O’druckt is!« gab den Anwesenden die Möglichkeit, vorgedruckte Plakate mit dem eigenen Namen, unter Anleitung auch selbst gesetzt, an einer Druckmaschine als Erinnerungs- und Anschauungsstück zu drucken.

Im Vorfeld hat ein freiwilliges studentisches Team aus dem Fachbereich Media Design diese farbenfrohen Plakate ersonnen, gesetzt und mit Handwalze auf der »Nudel« oder in der FAG im Irisdruck vorbereitet.

Die Werkstatt eröffnete am 11. November 2010. Seither ist die Zahl der Maschinen stetig gewachsen, ebenso Qualität und Wissen. Es wurden über die Jahre zahlreiche Leseproben, Plakate, Karten, Schriftmuster und mehrere Leporellos gestaltet, gesetzt und gedruckt. Nicht selten mag hier dem ein oder anderen aufgefallen sein, dass Setzen und auch Drucken mit Hingabe gelernt sein muss, Muße und Geduld sowohl fordert als auch fördert. Initialen und Monogramme wurden hier gezeichnet, erarbeitet und von Meisterhand überarbeitet, klischiert und schlussendlich gedruckt. Die »Digital Natives« wurden und werden von Experten gesetzten Alters in dieser alten Kunst eingewiesen, angeleitet, gelobt, manchmal auch sanft getadelt, aber stets von der Begeisterung der erfahrenen Meister mitgerissen. Zu sehen, dass junge Studierende mit einer Technik, die in weiten Bereichen vom Digitalen ersetzt wurde, inspirierende Erfahrungen machen und horizonterweiternde Handarbeit mit greifbarem Ergebnis erleben, ist stets aufs Neue vergnüglich.

Dank gilt dem studentischen Team Dani, Dorothée, Lucas, Marina, Max, Minh, Nico, Sofia, Simon und Theresa, sowie unserem Meister Peter Gericke, der tatkräftig half, und nicht zuletzt auch den Förderern in der Hochschule.

Fotos: Jan-Marc Zublasing, Nico Janson, Lucas Wurzacher